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Design für einen guten Zweck

Bei ihrem Wettbewerb »Ein Zeichen setzen« hat die Bildagentur Corbis dazu aufgerufen, mit vorgegebenem Bildmaterial ein Werbeplakat für einen guten Zweck zu designen. Harald Müller hat einen Entwurf für die »Aktion Libero« beigesteuert, für den ihr bis zum 7. Dezember 2012 auf der Website des Wettbewerbs voten könnt.

»Das Motiv greift einen leider üblichen Ausdruck auf und setzt ihn in einen Zusammenhang, der seine innere Absurdität sofort auch für jene begreifbar macht, die ansonsten eher unreflektiert leben.«

Die zehn Beiträge mit den meisten Stimmen werden prämiert, eine Jury bestimmt darüber hinaus einen Hauptgewinner, der sich unter anderem über ein Preisgeld von 1.000 Euro zugunsten der guten Sache freuen darf.

Wer für den Vorschlag der »Aktion Libero« abstimmen und damit unsere Initiative unterstützen möchte, muss sich zuvor (kostenfrei) bei Corbis registrieren. So ist ein faires Voting gewährleistet.

Hier geht es direkt zum Entwurf »Schwule Sau« von Harald Müller.

27. November 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Interview bei FluxFM

Bereits an unserem Aktionstag im November 2011 hatte uns der Berliner Radiosender FluxFM ins Studio eingeladen, um die »Aktion Libero« etwas näher vorzustellen. Am Freitag, genau ein Jahr danach, sprach FluxFM-Moderator Sven-Ole Knuth in der Sendung Runde Stunde mit Alex Feuerherdt über unsere Podiumsdiskussion in Köln und das dort behandelte Thema »Die Rolle der Medien«.

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19. November 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein, Resonanz | 1 Kommentar

Ein Jahr (Es geht voran)

Vor einem Jahr war ich nicht sonderlich entspannt. Wir hatten gerade die Katze aus dem Sack gelassen, die den geneigten Leserinnen und Lesern vermittelte, was es mit der »Aktion Libero« auf sich hat. Nachdem wir zuvor nicht gänzlich talentfrei erfolglos die Social-Media-Klaviatur gespielt und eine gewisse Erwartungshaltung geschürt hatten. Will sagen: Ein wenig Unmut hatte sich breitgemacht, erste Erinnerungen an das vor einigen Jahren nervende Fragezeichen auf der Dortmunder Brust waren laut geworden.

Vielleicht darf ich mich an dieser Stelle kurz selbst zitieren:

»Wie jetzt, das war’s? Dafür machen die so einen Aufstand? Twittern wochenlang geheimnisumwoben, tun so, als wollten sie das Rad neu erfinden, oder erwecken zumindest den Eindruck, als hätten sie irgendwas Bahnbrechendes entwickelt […]. Und dann lüften sie den Schleier, nicht ohne in den Tagen zuvor nochmal so richtig penetrant die Werbetrommel gerührt zu haben, und heraus kommt – was? Ein Statement gegen Homophobie im Fußball? Eine Selbstverständlichkeit also, in der fünfzigsten Auflage? Mannmannmann, die müssen Zeit haben! Ist das wirklich alles? Dafür der ganze Aufwand?«

So stand es am 16. November 2011, als die »Aktion Libero« aus dem Kleiderschrank trat, drüben in meinem Blog, und es war kein bisschen übertrieben. Ich hatte tatsächlich die Sorge, wir hätten überzogen, hätten viel zu hohe Erwartungen geschürt, die wir niemals zu erfüllen in der Lage wären.

Umso überraschter war ich, waren vielleicht wir alle, von der überwältigenden Reaktion in Blogs, bei Twitter und Facebook, zum Teil gar in den klassischen Medien. Selten war ich Teil einer Initiative gewesen, die so viel öffentlichen Zuspruch erfuhr, selten hatte ich aber auch dieses ausgeprägte Gefühl gehabt – nun noch wesentlich stärker als während der vorangegangenen Geheimniskrämerei –, von derart hohen Erwartungen begleitet zu werden.

Dabei wussten wir alle, dass wir die Welt nicht auf einen Schlag verändern würden. Vermutlich würden wir sie gar nicht verändern. War auch nicht unser Anspruch. Wir wollten schlichtweg unserer Haltung zu Homophobie (nicht nur) im Fußball Ausdruck verleihen, wollten dem einen oder der anderen nicht einmal eine Plattform, sondern vielmehr einen Anlass bieten, sich klar zu äußern, sich gegen schwulen- und lesbenfeindliche Parolen ebenso wie gegen die latente, unterschwellige, »kleine« Homophobie zu positionieren, wie wir sie alle immer wieder im Umfeld des Fußballs erleben.

Aus meiner Sicht hat das ganz gut geklappt. Natürlich gab es Anlass zu Kritik. Am Logo. Am Aktionstext. An der Kommunikation im Vorfeld. An der Heimlichtuerei oder daran, dass nur einige Eingeweihte von Anfang an dabei sein konnten. An den prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern. Manche Kritikpunkte hatten wir erwartet, andere nicht, einiges hielten wir für völlig berechtigt, anderes etwas weniger. Die Diskussionen, die darüber geführt wurden, waren – so ist es halt, dieses Internet – nicht immer leicht zu bündeln, zu den Punkten, die uns erreichten, nahmen wir zumeist Stellung, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. Manches würden wir heute anders machen, einiges bestimmt auch besser, und doch: Es war gut, wie es war. Finde ich.

Ich hatte von hohen Erwartungen gesprochen. Zumindest hatte ich sie so wahrgenommen. Hohe Erwartungen dahingehend, was diese »Aktion Libero«, die von so vielen Leuten begrüßt, zum Teil auch bejubelt worden war, nach ihrem durchaus bemerkenswerten Aktionstag denn noch so in petto habe. Hatte sie gar nicht. Sie hatte eine Idee, wofür sie sich einsetzen wollte, hatte ein paar engagierte Initiatoren, allen voran Harald, die ein gesellschaftliches Problem nicht unkommentiert lassen wollten, hatte ein paar vage Ideen für weitere Aktivitäten. Kampagnenfähig im engeren Sinne war sie nicht. Wie sollte sie, mit einem Team, das aus einer Handvoll Haupt- und ebenso vielen Nebenaktivisten bestand?

Es kam hinzu, dass die Vorbereitung der Auftaktveranstaltung recht aufwändig gewesen war und die Kräfte der Organisatoren stark in Anspruch genommen hatte. Zwar fielen sie danach keineswegs in das viel zitierte Loch – zu groß war der zusätzliche Antrieb gewesen, den der Aktionstag geschaffen hatte; dennoch war eine Verringerung der Drehzahl unumgänglich, aus beruflichen, familiären, gesundheitlichen oder sonstigen Gründen jeder und jedes Einzelnen.

Umso bemerkenswerter war die Reaktion derer, die ich zusammenfassend als Sympathisanten bezeichnen möchte. Die die »Aktion Libero« bei zahlreichen Gelegenheiten nannten und ins Spiel brachten. Die Interviewanfragen an uns herantrugen, Gespräche und Diskussionsrunden vermittelten. Die Querverbindungen herstellten, Kontakte zu anderen Organisationen, Aktionsgemeinschaften oder sonstwie organisierten Gruppen mit ähnlichem Themenfokus vermittelten und mit aufbauten. Die uns verlässlich und in schöner Regelmäßigkeit auf jeden relevanten Text, jede Fernsehsendung, jede anstehende Aktion, jedes besonders gute oder besonders schlechte Interview zur Homophobie im Fußball aufmerksam machten, per Facebook, mit einem kurzen Tweet, per Mail, you name it.

Wir fühlten uns gewiss nicht als Speerspitze, so anmaßend sind wir nicht, aber doch als integraler Bestandteil einer großen Gruppe von Menschen, die zu einem bestimmten Thema ähnlich denken, und fühlten uns geschmeichelt, dass uns die eine oder der andere eine bündelnde Wirkung zuschrieb. Die wir im Rahmen unserer Möglichkeiten gerne wahrnehmen.

Dass diese Möglichkeiten beschränkt sind, deutete ich bereits an. Wenn wir ganz ehrlich sind, und dabei deute ich mit dem Finger zuallererst auf mich selbst, wird die Aktion in ganz besonderem Maß von Stefanie getragen, die sich in bemerkenswerter Weise um all das kümmert, was man wohl »Tagesgeschäft« nennen könnte – was man schon wieder negativ interpretieren mag, damit aber völlig falsch läge. Sie kommuniziert, konzipiert, verhandelt, kurz: Sie ist dafür verantwortlich, dass wir in den letzten Monaten einige schöne und zielführende Aktivitäten durchführen konnten, unter denen die Teilnahme am Come-Together-Cup in Köln herausstach – der spendenfinanzierte (Danke!) Auftritt der »Aktion Libero« wusste zu gefallen, inklusive Merchandising:

Merchandising? Klingt irgendwie falsch, ne? Nach viel Geld, Profit, Kommerz, Ausverkauf. Stimmt natürlich alles nicht. Niemand verdient hier Geld. Niemand will Geld verdienen. Der Liberoladen soll lediglich helfen, so steht’s auch dort geschrieben, »den Gedanken der ›Aktion Libero‹ vom Internet auch ›nach draußen‹ zu transportieren«.

Womit wir bei einer Kernfrage angelangt wären: Was hat denn die »Aktion Libero« bisher bewirkt? Und wie wollen wir das überhaupt messen?

Tja. Wir wissen es nicht. Sicher, wir bekommen immer wieder positive Rückmeldungen, aber stammen die nicht in erster Linie aus jenem Chor, dem wir nicht mehr zu predigen brauchen? Oder anders: »Toll, dass Ihr das laut sagt!« oder Ähnliches habe ich immer wieder mal gehört; eher selten hört man sinngemäß dies: »Mensch, ich hab mir das jetzt mal überlegt. Ihr habt ja recht, ich finde schwule Fußballer eigentlich doch nicht schlimm.« Wäre auch utopisch, Leute mit tief verankerten homophoben Gedanken mit ein paar Buttons und sorgfältig formulierten Worten mir nichts, dir nichts zu einem grundsätzlichen Kurswechsel zu bewegen.

Was indes gelingen kann und auch gelingt: Menschen stärker zu sensibilisieren. Ihnen vor Augen zu führen, was sie da eigentlich für einen furchtbaren Unsinn von sich geben, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Ihnen zu verdeutlichen, dass Sie mit homophoben Gesängen eine ganze Reihe derer ganz persönlich treffen, die mit ihnen im Block stehen und eben noch mit ihnen die eigene Mannschaft angefeuert haben, dass sie sie beleidigen, ausgrenzen, ihnen die Freude am Fußball, am Stadionerlebnis vermiesen.

Auch mich selbst hat das Ganze sensibilisiert. Dahingehend, dass ich die Augen nicht mehr verschließe, oder zumindest seltener, dass ich homophobes Gerede aktiv kritisiere, bei »lustigen« Sprüchen nicht mehr schweigend die Augen verdrehe, sondern auch sage, dass ich sie zum Kotzen finde. Nicht immer – man kann nicht jeden Strauß ausfechten –, aber häufig genug.

Und ich glaube, es geht vielen so. Ich glaube, dass ein Bewusstseinswandel im Gange ist. Der in ganz bescheidenem Ausmaß mit der »Aktion Libero« zu tun hat, und zudem mit so vielen guten Initiativen da draußen, mit so vielen Menschen, die sich gegen Homophobie in der Gesellschaft im Allgemeinen oder beim Fußball im Speziellen engagieren. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir mittlerweile so viel und so häufig über Homophobie im Fußball lesen, hören, diskutieren, so viel und so häufig, dass es manche(r) vielleicht nicht mehr lesen, nicht mehr hören, nicht mehr darüber diskutieren mag.

In der Tat treibt das Thema Blüten, die man mitunter als seltsam empfinden mag, und meist hat es mit dem vielerorts aus den unterschiedlichsten – nicht nur ehrbaren – Gründen ersehnten Coming-out eines homosexuellen Bundesligaspielers zu tun, gerne eines Nationalspielers – »Deutschland sucht den schwulen Kicker«, wie Ronny Blaschke so treffend formulierte.

Man nimmt zur Kenntnis, dass jemand einerseits behauptet, es gebe keine schwulen Bundesligaspieler, und andererseits wenige Wochen später »ein homosexuelles Outing prominenter Bundesligaspieler« fordert, man hört wöchentlich neue Empfehlungen pro oder contra Coming-out, man liest ein Interview mit einem angeblich schwulen anonymen Bundesligaprofi, das zu mancherlei Zweifel Anlass gibt, und man fragt sich angesichts der entstehenden Diskussion, ob man sich nicht doch massiv getäuscht hat in seiner Wahrnehmung des Fortschritts hin zu einem Umfeld, in dem Homosexualität und Fußball genauso gut oder schlecht zusammen passen wie Heterosexualität und Fußball. Wie meinen? Letztere Frage stelle sich gar nicht? Eben.

Eine der zahlreichen Fragen, die sich indes stellen, ist jene nach der Rolle der Medien und Blogs im – offensichtlich verbesserungswürdigen – Zusammenspiel von Fußball und Homosexualität. Die »Aktion Libero« nimmt sich dieses Themas anlässlich ihres einjährigen Bestehens an. Einen Tag nach ihrem Geburtstag, am 17. November in Köln, in Form eines Diskussionsabends. Kurzentschlossene sind herzlich willkommen:

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Wir lösen den Blick vom Thema Coming-out bzw. Outing, schauen uns stattdessen den aktuellen Umgang der Medien und Blogs mit Homosexualität im Fußball an und sprechen darüber mit:

Ronny Blaschke, Journalist und Autor. In seinem Buch Versteckspieler erzählte er die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban.

Andreas Stiene, Gründer und Organisator des Come-Together-Cups in Köln, Mitgründer des schwul-lesbischen FC-Fanclubs »Andersrum Rut-Wiess«.

Jan F. Orth, Präsidiumsmitglied und Pressesprecher des Fußballverbands Mittelrhein (FVM), Beisitzer des DFB-Bundesgerichts.

Dirk Leibfried, Journalist und Autor. Gemeinsam mit Andreas Erb schrieb er das Buch Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball.

Die Gesprächsleitung übernimmt Alex Feuerherdt, freier Publizist, Blogger und Mitinitiator der »Aktion Libero«.

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Und zwischendurch liest man die Geschichte jenes schwulen Amateurschiedsrichters, der seine Homosexualität nach vielen Jahren in einem wohlüberlegten und begleiteten Prozess öffentlich gemacht hat, und glaubt fest daran, dass alles gut wird.

16. November 2012 von Aktion Libero (hk)
Kategorien: Allgemein | 5 Kommentare

Grenzenlos

Wieso gibt es überhaupt schwule Fanclubs? Ist das nicht auch eine Form der Ausgrenzung, eine Art Abgrenzung gegenüber den anderen, »normalen«, heterosexuellen Fans und Fanclubs? Wieso kann man nicht auch als Schwuler einem Fanclub beitreten, der nicht unter dem Label »schwul-lesbisch« auftritt?

Diese Fragen kamen diese Woche im Blogspot von Sportradio 360 auf, der wöchentlichen Bloggertalkshow, zu der mich Moderator Patrick Völkner netterweise eingeladen hatte, um mit ihm und weiteren Gästen ein wenig über die »Aktion Libero« und Homosexualität im Fußball zu plaudern. Während der Sendung fiel es mir schwer, adäquat und mit der nötigen Klarheit auf Äußerungen wie die oben aufgelisteten einzugehen. Skype, das ausgeliehene Headset, der quietschende Stuhl, nebenan die Katze, die ich in Erwartung abendlicher Katzencraziness vorübergehend im Schlafzimmer eingesperrt habe – das war alles ungewohnt für mich und ein bisschen aufregend (und auch ein wenig amüsant), ihr wisst ja, wie das ist: das Kurzatmige, die schwitzigen Hände, das klopfende Herz, die verlorenen Fäden. Plötzlich denke ich an Milchreis und dass das Bild schief hängt und: Verdammt, hoffentlich klingelt nicht ausgerechnet jetzt das Telefon!  Mimimimiau.

Weil es mir in der Sendung nicht so gut gelungen ist, möchte ich also jetzt, mit ein wenig Abstand, etwas ausführlicher auf die Fragen da oben eingehen. Das ist mir wichtig. Also bitte schön:

Es gibt Fanclubs, weil es Fans gibt.
Es gibt schwule Fanclubs, weil es schwule Fans gibt.
Es gibt Fanclubs mit Leuten, die sich aufgrund einer bestimmten Gemeinsamkeit zusammengefunden haben. Nicht nur, dass sie denselben Verein lieben – nein, sie sind auch noch alle begeisterte Hobbyangler. Wow. Oder wohnen in derselben Straße. Oder hören dieselbe Musik. Yeah. Dieser gemeinsame Nenner verbindet, es macht Spaß, sich mit Menschen zu umgeben, mit denen man etwas gemeinsam hat. Jeder macht das so. Es gibt Yogagruppen, weil es Leute gibt, die gerne Yoga machen. Diese Yogaleute würden nur ungern in einen Pilateskurs gehen, weil das eben nicht so ganz dasselbe ist. Was nicht heißt, dass sie Pilates und sämtliche Pilatesfans hassen und meiden. Aber es ist nicht dasselbe. Logisch, oder? Und voll okay. Niemand käme auf den Gedanken, die Frage zu stellen, ob sich die Yogamenschen nicht in unangenehmer Weise von anderen abgrenzen. Und ob das denn wirklich nötig ist, dass sie jetzt auch noch ihre eigenen Yogagruppen gründen.

Nun ist natürlich sonnenklar, dass Homosexualität kein Hobby ist, das man sich aussucht, weil es einem gerade Spaß macht und körperlich und seelisch guttut, aber das ist, mit Verlaub, auch schon der einzige wesentliche Unterschied zu Yoga.

Ein Schwuler geht in einen schwulen Fanclub, weil er sich dort wohlfühlt. Er hat über die Fußballleidenschaft hinaus etwas gemeinsam mit den anderen Fans, etwas, wofür er sich heutzutage in anderem Kontext immer noch häufig rechtfertigen muss, wofür er womöglich angefeindet wird und das er manchmal nicht öffentlich leben kann. Hinzu kommen natürlich ganz individuelle Beweggründe. Der eine hat schlechte Erfahrungen gemacht mit nicht schwulen Fanclubs. Der andere traut sich aus verschiedenen Gründen noch nicht an die Öffentlichkeit mit seiner sexuellen Orientierung und findet im schwulen Fanclub eine Atmosphäre vor, in der er sich um diesen Punkt keine Gedanken machen muss. Es fragt ihn niemand, es guckt auch keiner doof. Der Nächste findet es gut, zu demonstrieren, dass auch Schwule einen festen Platz im Fußball haben, und hängt vor jedem Spiel das Banner des Fanclubs im Block auf, um ein Zeichen zu setzen. Einem anderen sind Zeichen völlig schnuppe, aber seinen Freund, den findet er wichtiger als alles andere und genießt jeden einzelnen Stadionbesuch mit ihm. Bei jedem dieser Fans hat sich das irgendwann so ergeben. Manche haben gezielt nach ihrem Fanclub gesucht, andere sind da so reingerutscht. Das ist auch bei nicht schwulen Fangruppierungen so, und bei Yogakursen.

Jeder Mensch hat das Recht und die Freiheit, jedem Fanclub (Angelverein, Yogakurs …) beitreten zu wollen und sich ein zu ihm passendes Label auf die Stirn zu kleben – königsblau, schwarz-gelb, liberogrün oder regenbogenbunt. Es gibt Milliarden davon. Wer also danach fragt, ob die Existenz eines schwulen Fanclubs nicht ein Zeichen bewusster Abgrenzung sei, setzt erst durch diese Art der Fragestellung selbst eine Grenze, wo zuvor keine war.

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Das Gespräch bei Sportradio 360 zum Nachhören:

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15. November 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Runter von der großen Bühne

ein Text von Stefanie Fiebrig, textilvergehen.de

Es ist die am häufigsten gestellte Frage, wenn es um Fußball und Homosexualität geht. Wer? Wer ist der Nationalspieler, Bundesligaspieler, Fußballstar, der sich als erster outet? Warum sie zugleich die falscheste aller Fragen ist, hat die Fachtagung »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« des Berliner Fußballverbandes am vergangenen Freitag deutlich gemacht. Im Workshop 3 saßen und diskutierten überwiegend Frauen und Männer, die Fußball spielen, Mannschaften trainieren, Spiele leiten und Fanclubs oder Interessenvertretungen von Fußballfans angehören. Ihr Thema: »Was hinter den vier Wänden zu Hause passiert, ist mir doch egal, Hauptsache auf dem Platz wird Leistung gebracht!«

Ein Ablenkungsmanöver

»Es gibt Kollegen, die seit 30 Jahren Spiele pfeifen und es normal finden, dass mich der Trainer einer Mannschaft als Scheiß-Lesbe bezeichnet«, erzählt eine Schiedsrichterin, die im Männer- und im Frauenbereich tätig ist. Ihr Handlungsspielraum ist begrenzt, sagt sie. Klar, sie kann den betreffenden Trainer für den Rest des Spiels auf die Tribüne schicken – soweit der Platz über dergleichen verfügt. Das Problem wird dadurch nicht gelöst. »Nächste Woche steht er wieder da, und natürlich trainiert er weiterhin seine Mannschaft.« Die Schwierigkeiten, die sie beschreibt, sind kein Problem des Premiumproduktes Bundesliga. Es ist der Alltag der Amateurspielklassen, es ist der Breitensport Fußball. Dazu gehört auch, dass ihre Bezahlung höher ausfällt, wenn sie ein Spiel der Männer pfeift, obwohl sie bei einem Spiel der Frauen und Mädchen genau die gleiche Arbeit macht.

Wer nun also nach dem ersten prominenten Fußballspieler fragt, lenkt davon ab, wo die Arbeit – auch die journalistische – eigentlich ansetzen müsste. An der Basis, in den unteren Spielklassen. Dort, wo heute Trainer und Schiedsrichter ausgebildet werden. In den Vereinen. In der Kreisliga.

Auf die Basisarbeit kommt es an. | Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine

Die Gesellschaft ist nicht tolerant

Gleich zu Beginn der Veranstaltung hat die Autorin Almut Sülzle einige Thesen zur Diskussion gestellt. Eine davon lautete: »Unsere Gesellschaft (außer im Fußball) ist nicht mehr homophob.« Stimmt gar nicht, meint Almut Sülzle. Man schiebe das Problem nur dem Fußball zu.

Antidiskriminierungsarbeit ist in der Tat kein explizites Fußballthema. Zivilcourage ist in Fußballstadien genauso gefragt wie an allen anderen Orten auch. Am und auf dem Fußballplatz stehen nicht die Bewohner eines Paralleluniversums, sondern die gleichen, die man beim Bäcker, beim Friseur, im Büro oder in der Schule trifft. Ganz normale Menschen.

Christian Rudolph gehört dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg an, dessen Hauptaufgaben Beratung und gesellschaftliche Aufklärung sind. Seine Grunderfahrung: verschlossene Türen. Die meisten Menschen wollen mit dem Thema Homosexualität nicht behelligt werden.

Einer, der sich outet

»Brauchen wir den einen, der sich outet, für die inhaltliche Arbeit?«, fragt eine angehende Trainerin in die Runde. Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Nein, weil Aufklärung andere Mittel kennt. Ja, weil ein Vorbild helfen kann. Nein, weil einer alleine das nicht aushalten kann. Nein, weil eine Sensationsmeldung kein Umdenken bewirkt.

Was stattdessen sinnvoll sein kann, erklärt Robert Claus, Mediateam Türkiyemspor. Symbolische Aktionen sind wichtig, sagt er – obwohl gerade sein Verein für die Mitarbeit am Sport- und Kulturprogramm Respect Gaymes 2008 viel Kritik geerntet hat. Teilweise haben Mitglieder den Verein dafür verlassen. Das gilt es auszuhalten. Niedrigschwellige Bildungsangebote, speziell im Jugendbereich, seien ebenfalls ein sinnvolles Mittel. Auszeichnungen wie die Berliner Tulpe setzen Anreize. Kooperationen und Netzwerke. Dokumentation und Thematisierung diskriminierender Vorfälle.

Robert Claus weist allerdings auch darauf hin, dass Aktionen gegen Homophobie wenig Sinn ergeben, wenn Vereine gar nicht über eine Frauen- und Mädchenabteilung verfügen. Zum einen ist Homophobie kein reines Männerthema, es findet im Frauenfußball genauso statt. Zum anderen ist Homophobie mit Sexismus eng verknüpft. Die meisten homophoben Äußerungen sind gleichzeitig sexistisch. In der Mehrzahl werten sie Frauen ab.

Hallo, Berlin!

Wenn man sich die Website des Berliner Fußballverbandes ansieht, fällt zweierlei auf. Es gibt sie nicht, die Frauen- und Mädchenabteilung. Auch Beirat und Präsidium setzten sich ausschließlich aus Männern mittleren Alters zusammen. So richtet der Verband zwar Veranstaltungen wie »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« aus, in seiner täglichen Arbeit findet sich aber wenig davon wieder. Der einen Hälfte der Gesellschaft fehlt hier eine Interessenvertretung.

Verständlich sind deshalb die Forderungen der Workshop-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen an Vereine, Verbände und die anwesenden Journalisten: Macht Homophobie zum Thema, lasst uns nicht unsichtbar bleiben! Dazu gehört, dass dort entsprechende Strukturen geschaffen werden, wo sie fehlen. Dazu gehört eine Berichterstattung, die weniger auf Sensation setzt, sondern mehr auf Sensibilisierung.

Auch Handlungsempfehlungen, wie es sie für den Umgang mit rassistischen Äußerungen schon gibt, wären hilfreich. Es ist uns halbwegs gelungen, das Wort »Neger« aus unserem Wortschatz zu verbannen. Wir konnten uns irgendwann darauf verständigen, dass das ein Schimpfwort ist. Das sollte für »schwule Sau« und »Scheiß-Lesbe« auch möglich sein.

07. November 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 3 Kommentare

Die Diskussionsteilnehmer

»Fußball & Homosexualität – die Rolle der Medien« – so lautet das Thema unserer Diskussionsveranstaltung am 17. November 2012 um 19 Uhr in der Bar Zum Scheuen Reh in Köln. Wir freuen uns auf einen tollen Abend mit interessanten Gästen:

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Die Gäste

Ronny Blaschke arbeitet als freier Journalist für Hörfunk, Print- und Onlinemedien. Seine Beiträge erscheinen zum Beispiel im Deutschlandradio, bei ZEIT Online und in der Süddeutschen Zeitung. Er ist in Rostock aufgewachsen, studierte dort Sport- und Politikwissenschaften und lebt heute in Berlin. Ihm sind politische und gesellschaftliche Aspekte des Sports, Themen wie Fankultur, Diskriminierung und Integration wichtig – dafür ist er viel unterwegs, um Vorträge für Stiftungen und Bildungseinrichtungen zu halten und aus seinen Büchern zu lesen.

Für seine Arbeit erhielt Ronny Blaschke im Laufe der vergangenen Jahre zahlreiche Förderpreise und Auszeichnungen, unter anderem als Sportjournalist des Jahres (2009).

Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball wurde von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur 2007 als Fußballbuch des Jahres gekürt. In Versteckspieler erzählte Ronny Blaschke 2008 die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban. Sein neuestes Projekt: Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen.

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Jan F. Orth ist Richter und stellvertretender Pressesprecher des Landgerichts Köln. Als Mitglied im Präsidium des Fußballverbands Mittelrhein (FVM) widmet er sich derzeit vor allem den Aufgabenbereichen Medien, Kommunikation und Marketing. Außerdem ist der ehemalige Landesliga-Schiedsrichter als Beisitzer im DFB-Bundesgericht vertreten.

Im März 2010 veranstaltete der Fußballverband Mittelrhein eine von Jan F. Orth mitorganisierte Podiumsdiskussion zum Thema Homosexualität und Homophobie im Amateurfußball mit dem Titel »Einer von elf ist schwul«.

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Andreas Stiene spielte früher in seiner Heimat Essen in der Landesliga Fußball. Inzwischen lebt er in Köln und engagiert sich seit vielen Jahren intensiv gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Umfeld des Fußballs – zum Beispiel durch den Come-Together-Cup. Das große Benefiz-Fußballturnier fand 1995 erstmals auf Initiative von Andreas Stiene auf den Kölner Jahnwiesen statt und lockt seitdem Tausende homo- und heterosexuelle Freizeitsportler in die Domstadt – ein organisatorisches Großprojekt, das Andreas Stiene mit seinem Team jedes Jahr von Neuem auf die Beine stellt.

Als Anhänger des 1. FC Köln war er 2007 Mitgründer des schwul-lesbischen Fanclubs Andersrum Rut-Wiess, inzwischen mit mehr als 300 Mitglieder(inne)n eine der größten Fangruppierungen des FC. Außerdem war er bis 2010 aktives Mitglied des Cream-Team-Cologne, der Fußballmannschaft des SC Janus (ältester schwul-lesbischer Sportverein Europas), und hat in diesem Zusammenhang auch die aktuell laufende Sonderausstellung »Von Warmduschern und Weltmeistern« im Deutschen Sport & Olympia Museum mitorganisiert.

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Dirk Leibfried lebt und arbeitet als Autor und Journalist in Kaiserslautern. Sowohl beruflich als auch privat ist er eng mit dem Fußball verbunden. Nachdem er 15 Jahre Vorsitzender eines kleinen Fußballvereins war, ist er nun Mitglied im Kreisausschuss (mit den Aufgaben Öffentlichkeitsarbeit und Integration) sowie im Kreisschiedsrichterausschuss. Als aktiver Schiedsrichter leitet er seit mehr als zehn Jahren Spiele auf Bezirksebene bei den Herren und auf Verbandsebene bei den Junioren und Frauen.

Mehrere Jahre lang zeichnete Dirk Leibfried verantwortlich für die Stadionzeitung des 1. FC Kaiserslautern. Vor und während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war er Pressesprecher der WM-Stadt Kaiserslautern.

Im Jahr 2011 erschien das gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Erb geschriebene Buch Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball. Die beiden Autoren werben darin für einen offenen und mutigen Umgang mit dem Thema und haben sich in der Autoren-Biografie des Buches bewusst als homo- bzw. heterosexuell »geoutet«.

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Der Moderator

Alex Feuerherdt arbeitet als freier Publizist und Lektor. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für Konkret, die Jungle World, die Jüdische Allgemeine und den Tagesspiegel. Darüber hinaus hält er Vorträge zu den Schwerpunktthemen Israel/Naher Osten, Antisemitismus und Fußball. Seine aktuelle Buchveröffentlichung: Bayer 04 Leverkusen. Die Fußball-Chronik (Verlag Die Werkstatt).

Der ehemalige Oberliga-Schiedsrichter ist verantwortlicher Aus- und Fortbilder der Kölner Schiedsrichter. Außerdem gehört er zum Gründungsteam der »Aktion Libero«.

05. November 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein, Teilnehmer | 4 Kommentare

Save the date

28. Oktober 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein, Teilnehmer | 1 Kommentar

»Aktion Libero«-Diskussionsabend in Köln

Am 16. November jährt sich unser Aktionstag – einen Tag später veranstalten wir in Köln eine Podiumsdiskussion, zu der ihr alle herzlich eingeladen seid. Merkt euch bitte schon mal den folgenden Termin:

Samstag, 17. November 2012
19 Uhr
Musikclub Zum Scheuen Reh,
Hans-Böckler-Platz 2, 50672 Köln

Thema des Abends:
»Fußball und Homosexualität – die Rolle der Medien«

Derzeit wird viel über das mögliche Coming-out eines prominenten Fußballers gesprochen. Wann ist es so weit? Wer wird es sein? Wie werden die Fans reagieren? Doch ist die »Fahndung nach dem schwulen Superkicker«, wie es der Journalist Ronny Blaschke formulierte, nicht eher kontraproduktiv? Und was verrät die Erwartungshaltung in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung über den Umgang mit dem Thema Homosexualität im Fußball? In unserer Diskussionsrunde soll es vorwiegend um die Rolle der Medien als Teil des Umfelds des Profifußballs gehen – um Verantwortung, um Potenziale und um Schwachstellen. Wir lösen den Blick vom Thema Coming-out bzw. Outing, schauen uns stattdessen den aktuellen Umgang der Medien und Blogs mit Homosexualität im Fußball an und sprechen darüber mit:

Ronny Blaschke, Journalist und Autor. In seinem Buch Versteckspieler erzählte er die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban.

Andreas Stiene, Gründer und Organisator des Come-Together-Cups in Köln, Mitgründer des schwul-lesbischen FC-Fanclubs »Andersrum Rut-Wiess«.

Jan F. Orth, Präsidiumsmitglied und Pressesprecher des Fußballverbands Mittelrhein (FVM), Beisitzer des DFB-Bundesgerichts.

Dirk Leibfried, Journalist und Autor. Gemeinsam mit Andreas Erb schrieb er das Buch Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball.

Die Gesprächsleitung übernimmt Alex Feuerherdt, freier Publizist, Blogger und Mitinitiator der »Aktion Libero«.

Kommt alle!

Um besser kalkulieren zu können, wäre es toll, wenn ihr uns hier in den Kommentaren oder drüben bei Facebook einen Hinweis hinterlassen würdet, falls ihr vorhabt zu kommen. Das Facebook-Event findet ihr hier: http://www.facebook.com/events/493354114016190

Und abschließend noch eine Bitte: Die Raumsuche gestaltet sich für uns als ehrenamtliche Initiative ohne Budget erwartungsgemäß schwierig. Viele Institutionen oder Vereine winken direkt ab beziehungsweise melden sich gar nicht zurück, andere finden zwar gut, was wir machen, möchten aber selbst nicht damit in Verbindung gebracht werden. Wieder andere sehen nicht genügend Potenzial für eigenen Profit und sagen beiläufig: »Unsere Raummieten beginnen übrigens ab 3.000 Euro. Wie war noch mal Ihr Budget?« Kurzum: Es ist kompliziert. Wir werden selbstverständlich etwas Schönes finden, freuen uns aber auch über Unterstützung und Hinweise. Edit: Große Freude! Die Veranstaltung findet im Musikclub Zum Scheuen Reh statt (siehe oben).

21. Oktober 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein, Teilnehmer | 9 Kommentare

Bewegungsmelder

Ein Interview, das Tobias Altehenger für Kölncampus mit dem Pressesprecher des Fußballverbands Mittelrhein, Jan F. Orth, geführt hat: über das »Fluter«-Interview, die Situation schwuler Kicker und die Homophobie im Fußball.

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Download der MP3-Datei (5:41 Minuten, 5,5 MB)

30. September 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Weil wir es müssen

ein Text von Anna Dreßler, www.gruenweiss.org

Stimmengewirr. Farbendurcheinander. Vereinslogosalat. Der Kaffee ist alle. Die Spannung steigt. Die Ohren werden weiter. Die Münder schmaler. Auf der kleinen Bühne wandern Lichtflecken, flackern aufgeregt, bis sie schließlich ruhend das gesamte Podest erhellen. In der Mitte sechs Menschen auf Stühlen im Kreis, unruhig, nervös, wartend. Dann Stille, dann eine Ansage, eine Begrüßung. ?Mein Blick geht durch den Raum. Es ist ungewohnt, zwischen so vielen verschiedenen Fangruppen zu sitzen. Für mich, die es gewohnt ist, sich von Fans anderer Vereine fernzuhalten, nicht aus Bösartigkeit oder Feindseligkeit, nur aus einem tiefen Sicherheitsbedürfnis heraus, dem nicht jeder Fan des Gegners gerecht wird. Doch heute sind das alles keine Gegner, nur Gäste.

Ich sitze im Ostkurvensaal des Weserstadions, im Normalfall ein Ort, der Werderfans vorbehalten ist. Heute findet hier eine Diskussion im Rahmen des XI. Queer-Football-Fanclubs-Treffens statt. 23 Vereine, hauptsächlich deutsche, aber auch Schweizer, und direkt vor mir sitzt eine Reihe Spanier in blauroten Trikots, gut gelaunte Flüsterstimmen.

Als auf der Bühne die Vorstellungsrunde endet, beginnt erst eine unsichere Stille, dann ein Wechselbad an unterschiedlichsten Themen. Ich bin überrascht. »Homosexualität und Homophobie – Eine Aufgabe für Fans und Fanprojekte?« steht auf meinem Zettel. In der Diskussion steht: gute Jugendarbeit, politische Unabhängigkeit der Vereine, es geht um die unabänderliche Verstrickung von Politik und Sport, um die Grenzen zwischen Schutz, Kontrolle und willkürlicher Zensur, um Banner, um Rassismus, um Meinungen, um Organisatorisches, um Finanzen, Ultras und Aachen. Um die Sinn- und Zwecklosigkeit des Verbots rassistischer Symbolik und die Unmöglichkeit des Duldens selbiger. Es geht um offene Dialoge und um Verleumdungen vorhandener Probleme, um Städte, die verweigern, zu sagen: »Wir haben ein Problem mit Nazis.« Die Sinnlosigkeit, Symbole zu verbieten, wenn die Köpfe unter den Mützen und die Herzen hinter den Jacken voller Hass und Intoleranz bleiben. »Wenn wir die Symbole verbieten, ziehen die die Jacke aus und sind trotzdem da«, fasst Tobias Grunewald das Dilemma zusammen.

Dann geht es um den DFB und seinen unvollständigen Antidiskriminierungsparagrafen. In dem weder die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts noch die aufgrund sexueller Orientierung zur Sprache kommt. »Fußballmafia DFB!« tönt es nicht wirklich unerwartet aus mehreren Ecken des Raumes.? Auch gibt es nur wenige Vereine, in deren Satzung sich ein entsprechender Halbsatz findet. St. Pauli, Mainz, Wolfsburg und der BVB – vier Vereine, die sofort aufgezählt werden, bei allen anderen ist man sich nicht sicher.

Wenig später taucht irgendwoher der Name »Weidenfeller« auf, unweigerlich kippt das Thema zum Sanktionsmaß um. Markus Delnef redet von der Mainzer Haupttribüne, die voll von sexistischen Sprüchen sei, ohne dass es irgendjemanden kümmere, und auf der anderen Seite gebe es eben hart sanktionierte Stehblocks. »Das Problem bei den Sanktionen ist, dass sich die Vereine fragen: Wie komme ich billig aus der Sache heraus?«, erklärt Grunewald. Delnef kritisiert, dass viele Vereine genau aus dieser Fragestellung heraus tatsächlich beginnen, homophobes Verhalten zu verteidigen. Denn wenn ein schwuler Fanclub provoziert, dann dürfe man sich ja nicht wundern, wenn ein entsprechendes Antwortbanner eben genau auf diese Gemeinsamkeit der Homosexualität abziele. Schließlich einigt man sich darauf, dass Aufklärung und Fortbildung wichtige Maßnahmen wären und Weidenfeller beim nächsten Verstoß doch einfach mal eine Schulung besuchen müsse, in der er sich inhaltlich mit dem Thema beschäftigen solle.

Die Suche nach Lichtblicken und Vorbildern ist weit schwieriger, als Negativbeispiele zu nennen. Und irgendwie ist es ja doch so: Beim Reden über Homophobie fallen jedem so viele Situationen und Sätze ein, auch und gerade aus dem Fußball – von Spielern, Funktionären, aus Fangesängen, den alltäglichen Schiedsrichterbeleidigungen und, und, und. Doch Positivbeispiele? Fehlanzeige. Bei der Frage nach Vorbildern schweigen Publikum und Diskussionskreis. Selbst der Nationalmannschaftskapitän hat davon abgeraten, sich als Fußballprofi als schwul zu outen. Und das Schlimme sei ja, dass er damit Recht habe, spricht einer aus dem Publikum eine bittere Wahrheit aus. Es ist nicht karriereförderlich. »Und darin liegt ja auch das Problem: Die Spieler outen sich erst, wenn sie nicht mehr anders können, weil sie aufgrund des Drucks und des ständigen Versteckens ihre Leistung nicht mehr bringen können. Wir alle«, sagt Grunewald und umfasst mit einer weiten Geste den gesamten Raum, »wissen, glaube ich, sehr gut, wovon ich da rede. Wie viel Leistung geht verloren, weil sich schwule Fußballer permanent verstecken müssen?« ?Dieser Satz klingt eine Weile vorwurfsvoll in die Stille hinein, bis er schließlich in Beifall mündet.

Warum ist das Beitrittsalter bei schwulen Fanclubs so viel höher als bei anderen? Warum braucht es so lange, zu etwas so Selbstverständlichem wie Liebe und Sexualität stehen zu können – oder zu dürfen? Warum muss ein Teil der Gesellschaft um dieses grundlegende Recht so hart kämpfen? Warum ist es noch immer und noch lange nicht Normalität? Warum kann nicht jedes Aufeinandertreffen mit anderen Vereinsfans so friedlich und fröhlich sein wie dieses hier? Warum geht »schwul« noch immer vielen mühelos als Beleidigung über die Lippen? ??Ich frage meinen Sitznachbarn, wie das so ist, ob schwul-lesbische Fanclubs gegründet werden, weil sie in den herkömmlichen Fanclubs nicht akzeptiert werden, oder ob es darum geht, das Thema in die Öffentlichkeit und damit ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. ?»Beides«, antwortet er nach einer kurzen Denkpause, »aber vor allem, weil wir es müssen.«

18. September 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

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