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Homophobie im Frauenfußball

ein Text von spielfeldschnitte.de

Zwei Vorurteile halten sich im Fußball hartnäckig: 1.) Es gibt keine schwulen Fußballer. 2.) Alle fußballspielenden Frauen sind lesbisch. In beiden Fällen fällt der Fußball dem gleichen Männlichkeitswahn zum Opfer: Schwulen wird gänzlich abgesprochen, überhaupt Fußball spielen zu können, denn »das ist was für harte Männer«, und »echte« Frauen würden sich diesen Männersport sowieso nicht aneignen wollen – und wenn doch, dann müssen es also Lesben sein. Das ist natürlich Unsinn, denn Fußball ist ein Spiel für alle, unabhängig von ihren Besonderheiten. Bis dieser Anspruch der Vernunft allerdings auch gelebte Realität ist, ist noch ein Weg zu gehen: Die Probleme von Frauen in dieser Sportart mögen anders gelagert sein als jene der Männer, aber Karrieren und Seelen zerstören sie auch hier.

Zunächst einmal: Der Frauenfußball ist gewiss nicht das Mekka der modernen Lesbe. Gezielte Ausgrenzungsstrategien, sensationslüsterne Boulevardpresse – die Gewalt mag nicht (vordergründig) körperlich sein, sie führt aber immer wieder dazu, dass sich Frauen sogar ganz vom Fußball abwenden.

Einen Tiefpunkt erreichte die Diskriminierung bei der WM 2011 in Deutschland. Die nigerianische Trainerin Uche wetterte gegen die »dreckige Lebensweise« der Lesben, die sie in ihrem Team niemals tolerieren würde – Tage später und erst nach einer Rüge der Fifa schwächte sie ihre Aussage ab; auffällig neben dem forcierten Dementi war die Hilflosigkeit der Fifa, sich angemessen zu positionieren. Einfacher schien es ihr zu fallen, als sie Banner mit der Aufschrift »Fußball ist alles – auch lesbisch« vor einem der Spiele konfiszierte.

Homophobie durchzieht nach wie vor sämtliche Bereiche des Frauenfußballs: Die unaufgeklärte Angst der Eltern vor der »Ansteckungsgefahr« in den Vereinen, verbale Diskriminierung im Verein selber, von Seiten der Trainer/-innen, aber auch der Spielerinnen, die Zurückhaltung des DFB. Und letzten Endes die direkte Gefährdung der Karriere durch die normierten Auswahlkriterien der Sponsor/-innen, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Schaaf sie beschreibt:

»Ich habe einmal eine Vertreterin eines Sponsors gefragt, was denken Sie, warum wir so wenig Fußballerinnen in der Werbung sehen? Wir als Medienwissenschaftler erwarten dann so was wie: Der Bekanntheitsgrad ist nicht so hoch, wir brauchen jemanden, der sehr bekannt ist. Aber die Person antwortete: Das ist doch total klar, warum die keine Werbepartner haben. Das sind doch alles Lesben und wer will schon Lesben in der Werbung sehen. Ich habe dann gedacht, ist das jetzt die persönliche Meinung? Wird erst auf die sexuelle Orientierung geschaut und dann ein Vertrag verhandelt? Aber sie meinte dann: Nein, nein, meine persönliche Meinung ist das nicht, ich habe überhaupt kein Problem damit. Aber Ähnliches haben auch andere Sponsoren gesagt, dass sie selber kein Problem damit haben, aber von anderen Kollegen wissen, dass es ein Problem für die Konsumenten ist.«

Homophobie muss immer auch vor dem Hintergrund einer Gesellschaft gesehen werden, deren heterosexuelle Struktur nach wie vor nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern auch die Vorstellung davon, was ein Mann oder eine Frau sein darf, einschränkt. In den Fokus gerückt werden oft jene Spielerinnen, die diesen Vorstellungen gerecht werden. Abweichende Lebensweisen bleiben außen vor, Anpassung wird vorausgesetzt – Hauptsache, es ist offensichtlich, dass hier Frauen spielen, attraktive (im besten Fall sogar erotische) und vor allem heterosexuelle Frauen. Die Fußballerin droht, zum Objekt zu werden. Homophobie geht Hand in Hand mit Sexismus.

»Offenbar sind die Grenzen der öffentlichen Akzeptanz schnell erreicht, wenn die Attraktivität wegfällt oder wenn das ›doing gender‹ der Athletinnen nicht den Regeln der Zweigeschlechtlichkeit folgt.« (Schaaf/Nieland)

Darunter müssen nicht nur Spielerinnen leiden, die homo- oder bisexuell leben. Zur WM 2011 wurde selbst »Vorzeigefrau« Fatmire Bajramaj Opfer des heteronormativen Bildes von Weiblichkeit: Ein Interview mit der Taz unterzog ihr Management einer radikalen Zensur, ihre Bewunderung für Zinedine Zidane und das Verständnis für dessen Ausraster im WM-Finale erschienen als zu »unweiblich«. Das mag einer Managementstrategie geschuldet sein, offenbart aber gleichzeitig die für eine Vermarktung notwendige Einhaltung bestimmter Bilder von »Mann« und »Frau«, und damit auch die angenommene Grundhaltung in der Gesellschaft.

Lesbisch, rund oder grün? Die Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens gibt zu bedenken: »Viele haben Angst, als Lesbe abgestempelt zu werden, obwohl sie ja viel mehr sind als das: Freundinnen, Berufstätige, vielleicht Mütter. Schön fand ich einen Artikel während der WM über Uschi Holl und ihre Ehefrau. Es ging nicht um die Sexualität, sondern um die Belastung der Partnerschaft bei einem solchen Großereignis.« Uschi Holl und ebenso Nadine Angerer sind gute Beispiele dafür, dass es auch möglich sein kann, ungezwungen und ohne sich selbst zu verleugnen über die eigene Identität (und eben nicht reduziert auf die sexuelle Identität) zu sprechen.

Wir sind alle immer mehr als unsere Sexualität und wir sind nie nur etwas, sondern wir waren und werden sein. Homophobie ist Ausdruck einer Tendenz zur Unfreiheit, die uns alle betrifft.