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»Ich fühle mich wie ein Nestbeschmutzer«

Reimar de la Chevallerie hatte eine gute Idee. Anfang 2013 sah er im Fernsehen, wie Angela Merkel ein Transparent ausrollte. Irgendeine Aktion gegen Homophobie, irgendein Symbol, das Toleranz behaupten und ein ruhiges Gewissen hinterlassen sollte. »Was soll das?«, fragte sich der Theaterregisseur, der sich mit dem boat people projekt, einem freien Theater in Göttingen, seit Jahren mit Flüchtlings- und Diskriminierungsthemen beschäftigt. Er beschloss, es anders zu machen, besser. Mit einem Theaterstück, das dort gezeigt wird, wo Homophobie anzutreffen ist: an der Basis. »Für mich war klar, wir wollen aufs Land, in die Kabinen der kleinen Fußballvereine.« Was ihn dort erwartete, während der zwölfmonatigen Planungsphase des Stückes »Steh deinen Mann!«, das nächste Woche Premiere feiert, hätte Reimar de la Chevallerie allerdings nicht für möglich gehalten. Stefanie Barthold sprach mit ihm über seine Erlebnisse.

Regisseur Reimar de la Chevallerie.

Ihr habt eine Menge Aufwand betrieben und einige Kooperationspartner für euer Projekt gewinnen können. Im Landkreis Northeim könnt ihr das Stück deshalb kostenlos zeigen. Für die Vereine ist das eigentlich perfekt, oder?
Ja, die müssen nichts tun, außer einen Termin für uns freihalten, ein paar Spieler zusammentrommeln und uns ihre Kabine zur Verfügung stellen. Null Belastung, null Arbeit. Und trotzdem ist es schwierig für uns, denn die Leute wollen das einfach nicht. Ich war zum Teil schockiert darüber, wie sich die Menschen vom Fußballverband verhalten haben. Jetzt zeigen wir das Stück eventuell häufiger an Schulen – das ist auch gut, aber eben nicht das, was wir uns vorgestellt und gewünscht hatten.

Was habt ihr konkret an Ablehnung erfahren?
Der Niedersächsische Fußballverband hatte uns beispielsweise telefonisch zugesagt, mithilfe seines E-Mail-Verteilers über unser Stück zu informieren. Das ist ja auch nicht wahnsinnig viel Aufwand eigentlich. Und auf einmal haben sich die Verantwortlichen rausgewunden und ihre Unterstützung wieder zurückgenommen.

In einer E-Mail schriebt ihr neulich, der Präsident des Kreissportbundes Northeim-Einbeck habe euch empfohlen, euch direkt an die Vereine zu wenden, aber gleichzeitig seine Verwunderung darüber geäußert, dass ihr das Stück auf dem Land zeigen möchtet – schließlich gebe es dort gar keine homosexuellen Fußballer. Eine Unterstützung bei der Suche nach Gastspielorten habe er ausgeschlossen, mit dem Hinweis, er müsse ja auch die Heteros schützen.
Ja, schockierend. Viele tun auch so, als wäre das absoluter Schweinkram, den wir hier veranstalten. Dabei ist das Stück total harmlos. Ich fühle mich wie ein Nestbeschmutzer. Die landläufige Meinung lautet offensichtlich: Der Fußball soll so bleiben, wie er ist. Das zeigte auch die Erfahrung eines befreundeten Göttinger Trainers, der das Thema bei sich im Verein auf den Tisch bringen wollte. Sofort ging das Gerede und Gelächter los, es wurden nur noch Witze gerissen, und irgendwann hat er das Ganze frustriert abgebrochen.

Wie unterstützt euch der Deutsche Fußball-Bund?
Die DFB-Kulturstiftung hat uns 4.000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich auf ungefähr 30.000 Euro. Sie tun das vielleicht auch, weil sie das Gefühl haben, es irgendwie tun zu müssen. Aber Olliver Tietz von der DFB-Stiftung setzt sich sehr für uns ein und schickt uns beispielsweise Jimmy Hartwig zu zwei Vorstellungen, der ja mittlerweile als Integrationsbotschafter tätig ist … Mit dem Thema Homophobie kann man sich nicht profilieren. Bei Rassismus oder anderen Inklusionsthemen ist es auch viel einfacher, jemanden für ein Statement vor die Kamera zu bekommen. Wir hätten über den DFB gerne einen Kontakt zu Theo Zwanziger geknüpft, aber das wurde abgeblockt. Die meisten Manager und Funktionäre stellen sich stur, das ist ein Problem. Ganz egal ist ihnen das Thema dann aber doch nicht – ich wurde des Öfteren gefragt, ob ich schwul sei.

Was genau willst du mit dem Stück erreichen?
Ich möchte vor allen Dingen erst mal sagen, dass mir das Thema nicht fremd ist. Als ich klein war, war ich genau so, ich habe auch Sprüche gemacht. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass so ein Verhalten Konsequenzen für andere hat. Dafür ist das Stück gut. Ich finde das Thema super, ich finde Fußball super, und es ist mir ein Anliegen, dass mit Homophobie reflektierter umgegangen wird.

Wie äußert sich das Interesse an eurem Projekt bisher?
Es ist verrückt: Bevor wir das Stück überhaupt aufgeführt haben, wollen schon alle berichten. Im Januar hat im Zuge des Coming-outs von Thomas Hitzlsperger die dpa über uns geschrieben, und seitdem bekommen wir auf überregionaler Ebene viele Medienanfragen, auch vom Fernsehen, und einige Fanprojekte zeigen mittlerweile auch Interesse. Das freut uns sehr und ist eine total neue Erfahrung, aber es ist nicht das, was wir erreichen wollen. Wir möchten aufs Dorf, in die kleinen Vereine, und dort spielen. Deshalb bin ich mal gespannt auf die Reaktionen nach der Premiere. Vielleicht funktioniert es ja, dass durch die Medienresonanz auch die Vereine offener werden und uns die Möglichkeit geben, das Stück bei ihnen zu zeigen.

Eure Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene.
Genau, das Stück ist ab zwölf. Aber nicht, weil es darin so hoch hergeht – im Gegenteil –, sondern weil wir glauben, dass es ab diesem Alter einfach besser verstanden wird. Bestes Beispiel ist meine Tochter, die ist zwölf und ergreift neuerdings in Facebook-Gruppen Partei für vermeintlich schwule Popstars.

Das ist cool.
Sehr cool. Das muss man sich erst mal trauen! Und es zeigt, dass es eben etwas bringt, wenn Homophobie in deinem direkten Umfeld zum Thema gemacht wird.

Probt seit drei Wochen täglich: Matthias Damberg. – Fotos: Reimar de la Chevallerie


Das Stück »Steh deinen Mann!« feiert am Mittwoch, 16. April, in einer Umkleidekabine des Göttinger Jahnstadions Premiere. Geschrieben wurde es von dem Hamburger Autor Christopher Weiß, Regie führt Reimar de la Chevallerie. Der Schauspieler Matthias Damberg aus Hamm spielt einen Fußballfan auf der Suche nach dem »schwulen Superspieler« … Zum Stammteam gehören außerdem Gerd Zinck (Dramaturgie) und Mathis Albrecht (Video).

Neben zehn Besuchen bei Vereinen im Landkreis Northeim finden elf öffentliche Auftritte in Göttingen statt (Termine hier), hinzu kommt eine Vorstellung in Dortmund. Wer das Team als Vertreter/-in eines Vereins oder einer Schule zu einem Auswärtsspiel in seine Stadt einladen möchte, der kann sich per E-Mail an Nina de la Chevallerie wenden. Der organisatorische Aufwand ist gering, denn Ensemble und Requisiten passen in einen Pkw.

07. April 2014 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

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