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Das Ende der »homofreien Zone Fußball«

Ein Text von Johannes Eydinger

Ordentlich auf die Pauke gehauen wurde im Vorfeld. Es gab Sperrfristen für Journalisten, die Moderatorin der Veranstaltung, Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF, erklärte geheimnisvoll, sie habe eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben.

Damit erreichten die Organisatoren zwar die Aufmerksamkeit, die dem Thema zusteht, sorgten aber auch für wilde Spekulationen: Wird sich heute, am 17. Juli 2013, der erste deutsche Profi-Fußballer outen? Kommt Uli Hoeneß? Nein. Es wurde »nur« eine Erklärung feierlich veröffentlicht, die zweifelsfrei wichtig ist, aber dem großen Brimborium drumherum nicht ganz gerecht wird.

Wer ist dabei?

Fünfzehn Persönlichkeiten haben die »Berliner Erklärung: Gemeinsam gegen Homophobie. Für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport« (Link zum PDF) unterzeichnet. Unter ihnen sind die drei Bundesminister Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz), Hans-Peter Friedrich (Innen) und Kristina Schröder (Familie). Für den DOSB unterzeichnete Vizepräsidentin Ilse Ridder-Melchers, für den DFB dessen Präsident Wolfgang Niersbach. Dazu kamen sieben Vereinsfunktionäre (unter ihnen der angesprochene Uli Hoeneß) und mit Christine Lüders (Antidiskriminierungsstelle), Aletta Gräfin von Hardenberg (Charta der Vielfalt) und Jörg Litwinschuh (Stiftung Magnus Hirschfeld) drei Interessensvertreter.

Was steht drin?

Die Unterzeichner sprechen sich klar gegen Homophobie und für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport aus. Das ist zwar nicht soooo neu, aber einen offiziellen Schulterschluss aller genannten Gruppen gab es bisher eben auch noch nicht. Die Initiative geht auf die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zurück. Sie hatte vor drei Jahren die Aktion »Fußball gegen Homophobie« gegründet, aus der jetzt die positivere Marke »Fußball für Vielfalt« entstand.

Wie geht’s weiter?

Es soll nicht nur bei schönen Worten bleiben. Unter der Federführung der Uni Vechta wird es jetzt wissenschaftlich. Gemeinsam sollen Bildungsmodule für Vereine und Verbände entwickelt werden. Die Zielgruppe ist klar: Jugendliche. Ganz früh soll in Schulen und Vereinen Aufklärungsarbeit betrieben werden – damit Homophobie erst gar nicht entsteht. Das ganze Konzept ist hier als PDF abrufbar.

Wann outet sich denn jetzt der erste schwule Bundesligastar?

Das wurde hier tatsächlich hinter den Kulissen diskutiert. Auch einige Statements auf der Bühne drehten sich um diese Frage. Ob diese Diskussion hilfreich ist, bezweifle ich. So wird der Druck auf die Personen, die mit diesem Gedanken spielen, immer größer. Irgendwann wird es sicherlich passieren. Wirklich wichtig ist ja nicht das Coming-out an sich, sondern wie unsere Gesellschaft dann damit umgeht.

Warum gab es Zoff um die Sport-Bild?

Vor allem in den sozialen Netzwerken wurde die exklusive Medienpartnerschaft mit der Sport-Bild im Grundsatz kritisiert. Dem Springer-Blatt wird von vielen abgesprochen, sich dem Thema vernünftig zu widmen (»Bock zum Gärtner«, »Hauptblatt des Springerverlags verdient sein Geld mit Lügen, Verleumdungen«, »Doppelmoral«).

Dabei wird ignoriert, dass in der heutigen Ausgabe auf zehn (!) Seiten die Thematik Homophobie im Sport beschrieben wird. Habe ich in vergleichbaren Medien wie dem kicker oder der 11Freunde noch nicht gesehen. Außerdem ist mir (gilt für die Sport-Bild und die Sportseiten im Hauptblatt) in den letzten Jahren kein einziger kritikwürdiger homophober Artikel in Erinnerung geblieben.

Ich sehe es sogar als Quantensprung. Heute wirbt ein Springer-Blatt damit, gegen Homophobie zu sein. Wer hielt das vor zehn Jahren für denkbar? Der Kampf gegen homophobe Tendenzen wird schlussendlich nicht in der Zeit, der Süddeutschen oder in Uniseminaren gewonnen, sondern dort, wo die Ressentiments tief sitzen – in der Mitte und am unteren Rand der Gesellschaft. Der gesamte Springer-Verlag muss sich nun daran messen lassen.

Hertha, St. Pauli, Union – aber mein Verein fehlt. Warum?

Nur sieben Vereinsmeier haben die Erklärung unterschrieben. Zwar war die Stiftung mit allen Erst- und Zweitligaclubs im Kontakt, diese sieben aber sollen sich als besonders offen für das Thema gezeigt haben. In einer zweiten Welle will »Fußball für Vielfalt« jetzt mit allen anderen nochmals sprechen. Ziemlich sicher, dass sich dann auch Dortmund, Cottbus, Braunschweig & Co. an den Projekten beteiligen.

Kritischer ist die Auswahl der Verbände. Zwar geht der DFB mit Wolfgang Niersbach voran, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) konnte sich aber noch nicht durchringen. Hier wäre ich für eine Stellungnahme von Geschäftsführer Christian Seifert dankbar.

Ich will noch mehr!

Eine Chronologie der Ereignisse habe ich bei storify zusammengestellt.

17. Juli 2013 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Kommentare (2)

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