web analytics

Geldstrafe für FCK-Stürmer Idrissou:
Von Homo-Gurken und männlichem Stolz

Ein Kommentar von Dirk Leibfried

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat am Mittwochabend Mohamadou Idrissou vom Zweitbundesligisten 1. FC Kaiserslautern mit einer Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro belegt. Die Begründung aus der DFB-Zentrale in Frankfurt lässt Raum für Spekulationen: »Der Spieler hatte sich im Anschluss an das Zweitliga-Spiel beim FC Energie Cottbus am 29. April 2013 in einem TV-Interview unsportlich geäußert«, heißt es da. »Unsportlich geäußert«? Anders ausgedrückt: Ist Homophobie »unsportlich«?

Was an dem mittlerweile rechtskräftigen Urteil irritiert, ist weniger die ausgesprochene Strafe durch den DFB als vielmehr die schmallippige Begründung. Wieso wird das Kind nicht beim Namen genannt? Wieso erfährt der Fußballfan nicht, ob Idrissou wegen seiner homophoben Äußerungen oder aber wegen seiner Kritik an Schiedsrichter Wolfgang Stark bestraft wurde? Noch immer, so scheint es, wird beim DFB das Thema Schwulenfeindlichkeit tabuisiert, bestenfalls aber mit Glacé-Handschuhen angefasst.

Rückblende: Folgt man Idrissous Angaben, so habe ihm FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel des FCK bei Energie Cottbus bereits in der Anfangsphase mitgeteilt, dass ihm seine Körpersprache nicht gefalle. Diese Aussage nagte an Idrissou noch über den Schlusspfiff hinaus. Im Interview mit »Sky« ereiferte er sich deshalb: »Ich habe eine Männer-Körpersprache. Ich bin nicht schwul und werde auch nie schwul sein. Ich bin nicht der Einzige, der schlecht über diesen Schiri redet. Es ist mir egal, aber langsam reicht’s.«

Die Reaktionen folgten prompt. Als erster Sportverein überhaupt erhielt der 1. FC Kaiserslautern die »Homo-Gurke«, eine wenig schmeichelhafte Würdigung des schwul-lesbischen Internetportals queer.de. Begründung: Der Verein verharmlose homofeindliche Äußerungen seines Star-Stürmers Mohamadou Idrissou und konterkariere damit die Bemühungen gegen Homophobie im Fußball. Im Kommentar dazu heißt es, die klischeehafte Gleichsetzung von »schwul gleich unmännlich« werde von der FCK-Führung unreflektiert verteidigt. Die teils heftigen Reaktionen machen deutlich, wie unsensibel der Fußball noch immer mit dem Thema Homosexualität umgeht – und wie empfindlich die Szene auf Provokationen aus dem Epizentrum der archaischen Männlichkeit reagiert.

Denn statt parallel zu den Ermittlungen des DFB-Kontrollausschusses eine – wenn auch taktische – Entschuldigung des Spielers zu veröffentlichen, »verschlimmbesserte« die Pressestelle des Vereins die Situation durch eine mehr als naive Stellungnahme. »Der Fokus seiner Aussage liegt auf seiner persönlichen Männlichkeit und seiner Körpersprache als Ausdruck derselben«, schrieb der Verein auf seiner Homepage. Kein Bedauern, keine Entschuldigung. Im Gegenteil: Der Verein verwies darauf, die »potentiellen homophoben Aussagen« seien »in keinerlei Weise von Mohamadou Idrissou beabsichtigt gewesen«.

Doch es geht noch schlimmer. Um den DFB in der Beurteilung der Interview-Aussagen gnädig zu stimmen, schob der Verein zwei Tage später doch noch eine Entschuldigung seines Mittelstürmers nach, die viele Fans – ebenso wie ein anberaumtes Treffen mit dem schwul-lesbischen Fanclub »Queer Devils« – als »Demütigung« auffassten: »Ich bin ein stolzer afrikanischer Mann und ein stolzes männliches Auftreten ist Teil meiner Kultur. Durch den Hinweis des Schiedsrichters bezüglich meiner Körpersprache habe ich mich in meiner Männlichkeit angegriffen gefühlt. Meine Reaktion darauf war falsch und auch meinem kulturellen Hintergrund geschuldet. Das tut mir aufrichtig leid.«

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits im Internet alle Dämme gebrochen. Während sich die FCK-Fans mehrheitlich hinter ihren Stürmer stellten, echauffierte sich die Gay-Community reflexartig über die schwulenfeindlichen Aussagen des Fußballers aus Kamerun und die Ignoranz seiner Fans. Diese emotional aufgeladene Diskussion zeigt mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass der Fußball nach wie vor in einer Parallelwelt verhaftet ist. Ein offenes Klima, um beispielsweise das Coming-out eines Profifußballers zu ermöglichen, ist so auf absehbare Zeit ganz sicher nicht zu erreichen. Die Realität in den Stadien der Republik scheint noch immer im krassen Widerspruch zu den vermeintlichen Bestrebungen des DFB zu stehen, Homophobie im Fußball zu bekämpfen.

Zufall oder nicht: Ein bereits für Februar angekündigtes Strategiepapier des DFB, das Coming-outs von schwulen Sportlern erleichtern soll, verzögert sich weiter. Begründung von DFB-Diversityberater Marcus Urban: »Es ist eben ein hartes Brett, ein äußerst heikles Thema und immer noch eine der größten Schwächen des deutschen Fußballs.« Homosexuellenfeindlichkeit sei im Sport viel schwerer zu bekämpfen als in anderen Teilen der Gesellschaft, so Urban.

Der »Fall Idrissou« ist symptomatisch für einen Fußballverband, der im August 2007 nach einem hitzigen Wortgefecht den Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller mit einer Sperre von drei Spielen belegt hat. Er soll im Derby gegen Schalke den gegnerischen Stürmer Gerald Asamoah als »schwule Sau« beleidigt haben. Ursprünglich wurde Weidenfeller vorgeworfen, die Worte »schwarzes Schwein« benutzt zu haben. In diesem Fall wäre eine Verurteilung wegen rassistischer Äußerung erfolgt, Anklage erhoben und eine deutliche längere Sperre – im Gespräch waren sechs Wochen – ausgesprochen worden. Die »schwule Sau« schien dagegen nicht ganz so dramatisch. Schließlich verlangt der Fan nach echten Kerlen, nach Fußballern, die authentisch sind und männlich auftreten. Die Antwort auf die von Mohamadou Idrissou aufgeworfene Frage, wie die Körpersprache eines Schwulen denn nun tatsächlich ist, sind bis jetzt allerdings alle Beteiligten schuldig geblieben.

*

Zum Autor: Dirk A. Leibfried (45) arbeitet als freier Journalist und Autor in Kaiserslautern. Er veröffentlichte im Herbst 2011 gemeinsam mit Andreas Erb das Buch Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball (erschienen im Werkstatt-Verlag).

10. Mai 2013 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Ich habe das Interview mit idrissou live gesehen. Sekunden nach Abpfiff war er einfach sauer auf Schiri Stark. Ich kann das nachvollziehen.
    Aber die Worte sind pubertäres Verhalten. Früher hiess es auf dem Schulhof: “ey, das ist voll behindert”.
    Heute ist alles “voll schwul”.
    Leider nicht mehr nur auf dem Schulhof.
    Woher kommt das eigentlich?

  2. Der Strafrahmen im Sport kennt keinen Unterschied zwischen den Beleidigungen. Es spielt keine Rolle, ob eine Beleidigung homophob, rassistisch oder anders geartet war; sie ist immer unsportlich. So sehr ich auch gegen Homophobie im Sport kämpfe, sie ist keine besonders schwere oder weniger schwere Form der Unsportlichkeit und ihre Bestrafung hat nichts mit Feigheit zu tun.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert