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Eine Frage der Haltung

Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine

Ein Transparent trübte am Freitagabend bei so manchem Anhänger des 1. FC Union Berlin die Freude über den 3:1-Heimsieg gegen Sandhausen und die lang ersehnte Einweihung der neuen Haupttribüne. Ein Transparent mit der Aufschrift »Herthatreff am Knabenstrich – alte Liebe rostet nicht!«, das auf der Waldseite des Stadions an der Alten Försterei gezeigt wurde, begleitet von dem Schmähgesang »Eure Mütter steh’n am Bahnhof Zoo«.

Die Botschaft, initiiert von Union-Fans, richtete sich – wen wundert’s? – an den ungeliebten Nachbarn Hertha BSC. Zum Hintergrund: Am 11. Februar steigt das Zweitligaderby im Olympiastadion und Fangruppen beider Vereine haben sich etwas ausgedacht. Vor dem Spiel wollen sie sich im Westen der Stadt treffen – die Union-Fans am Breitscheidplatz, die Hertha-Anhänger ein paar Meter weiter am Bahnhof Zoo. Mit entsprechenden Flyern wiesen sie in den vergangenen Tagen darauf hin. Rivalität, Reviermarkierung, legitim und harmlos. Das Banner im Union-Block hingegen ging einen Schritt weiter. Durch die Verbindung zum »Knabenstrich« – einem so bezeichneten Bereich hinter dem Bahnhof Zoo, der zugleich eben geplanter Treffpunkt der Hertha-Fans ist – wurde auf herabwürdigende Weise ein Bezug zu Homosexualität hergestellt. Mit einfacheren Worten: Hertha-Fans = schwul = minderwertig. Hinzu kommt der angedeutete Zusammenhang zu Pädophilie.

Bei Twitter und Facebook wird seit Freitagabend über den Vorfall diskutiert, Fotos des Spruchbandes werden geteilt, der Tenor der Reaktionen ist nicht immer eindeutig. »Giftiger Konkurrenzkampf ja, verbale Entgleisungen nein«, sagen die meisten, doch unabhängig von den Vereinsfarben gibt es auch zahlreiche andere Stimmen: »Stellt euch mal nicht so an, das gehört doch dazu«, lautet deren Meinung. Es sollte aber eben nicht dazugehören. Der Text auf dem Banner war nicht Ausdruck einer gesunden Fanrivalität, sondern schlicht homophob.

Natürlich ging die Aktion wie in den meisten solcher Fälle nicht von der gesamten Fanszene aus, sondern von einer einzelnen Gruppe, doch ändert das nichts daran, dass Vorfälle wie dieser – solange sie unkommentiert bleiben – auf das Image des ganzen Vereins und seiner Fans zurückfallen. Umso wichtiger wäre es, dass sich die Klubführung der »Eisernen« klar zu den Geschehnissen äußert und damit eine unmissverständliche Haltung zeigt. Die Aktion als Fehltritt einiger weniger Fans zu entschuldigen und unter den Teppich zu kehren, wäre fahrlässig und kontraproduktiv im Kampf gegen Homophobie. Zudem müsste sich Union Berlin die Frage gefallen lassen, was die Gründe dafür sind, einem so deutlich diskriminierenden Vorfall im eigenen Stadion mit Ignoranz zu begegnen. Denn: Sich selbst stets als toleranter, sozial engagierter Klub mit engem Bezug zu seinen Fans zu positionieren und zugleich bei einem ganz konkreten Anlass wie dem aktuellen zu schweigen, das passt nicht zusammen.

»Aktion Libero« hat den 1. FC Union Berlin um eine Stellungnahme gebeten. Auch bei Facebook wurde der Verein verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht.

Update (4. Februar 2013): Union Berlin hat die »Aktion Libero« zu einem Gespräch eingeladen.

03. Februar 2013 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 20 Kommentare

Kommentare (20)

  1. Als quasi betroffener Fanclub haben wir das Banner der Union-Fans ebenfalls mit Ärger im Internet wahrgenommen.

    Revier-Derby hin oder her, es sollte nicht auf dieser Schiene entgleisen. Wie auch Aktion Libero sehen wir darin einen herabwürdigen Bezug zur Homosexualtät und haben aus dem selben Grund bei Union Berlin um eine Stellungnahme gebeten.

    In der seit Monaten anhaltenden Diskussion um mögliche schwule Fußballer sind solche Banner leider kontraproduktiv und werden keinen Spieler veranlassen sich öffentlich zu outen.

    Wir haben Hoffnung, dass sich Union Berlin, dessen Präsident Dirk Zingler vor zwei Jahren den Startschuß zum Berliner CSD gab, auf unsere Anfrage reagiert und sich mit dem Problem auseinandersetzt.

    Auf Anfrage der BILD-Zeitung wurde am heutigen Tag ein entsprechendes Statement bereits abgegeben. Laut Aussage des Journalisten wird morgen diesbezüglich ein Artikel abgedruckt.

  2. Wer aufmerksam durch Unionforen suft, dem kann nicht entgangen sein, dass dieses Spruchband mitnichten den Gefallen großer Teile der Unionfanlandschaft gefunden hat.

    Ob das wiederum nicht genug ist, dass man auch noch eine offzielle Erklärung des Vereins haben möchte, womöglich gar eine Entschuldigung, ist einer sehr moraliserenden Einstellung geschuldet. Hier sitzt jemand auf einem ganz hohen Ross. Woher weiß der Verfasser, dass der Klub intern nicht – wie er hier unterstellt – sein Missfallen gegenüber den Verursachern ausgedrückt oder sich gar in Ognoranz geübt hat. Das ist erst einmal auch ein polemisches Postulat, dass durch nichts bewiesen ist.

    Und wenn Union das ärgerliche Vorkommnis intern angesprochen haben sollte und für den Widerholungsfalle gar eine Sanktion angedroht haben sollte für die Verursacher, würde das der “aktion libero” langen? Oder sollten die Verursacher möglichst offiziell an einen Pranger gestellt werden?

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass man eine Moralkeule nicht so offensichtlich schwingen sollte, solange man sich von einem Theo Zwanziger unterstützen lässt. Hat auch ein Geschmäckle.

    Und bevor jemand jetzt ausdrücklich fragt, ich fand das Spruchband weder kreativ noch lustig noch irgendwie toll. Genau wie ich die Treffpunktaktion diesmal nicht toll finde. Erinnert ganz stark an das Reviermarkierungsverhalten junger Rüden.

    Insofern sollte man dem nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Habt ihr aber. Und seid damit den Spruchbanderfindern schön auf den Leim gegangen. Glückwunsch!

  3. Da hat unser Zeitungsmann mal wieder viel Richtiges geschrieben, bravo Bunki!

    Viel Lärm um nichts, mehr ist zu der ganzen Geschichte nicht zu sagen. Sowieso ist jedes Banner Geschmackssache, manchmal diskutieren die Macher selber ewig, welchen Spruch sie nehmen. Darf ja jeder seine Meinung haben, aber manche müssen da gleich wieder ein Politikum draus machen, peinlich!

    Fakt ist, im Stadion haben es die meisten mit einem Schmunzeln auf den Lippen registriert, als gelungenen Gag, als kleine Einstimmung aufs Derby – wer will schon Friede, Freude, Eierkuchen wenn es um die Stadtmeisterschaft geht? Die einzigen, die es nicht kapieren, sind mal wieder diejenigen, denen es nur um Politik geht. Ihr Problem. Die Herthaner aus meinem Bekanntenkreis nehmen es im übrigen locker.

    Apropos Politik, liebe “Hertha-Junxx” – dass ihr ein reines Medienphänomen seid ist ja wohl jedem klar. Schön dass ihr euch mal wieder zu Wort meldet, aber wann wart ihr eigentlich das letzte Mal zu mehr als zwei Leuten in euerm Stadion? In der Hertha-Szene hat euch doch nie jemand ernst genommen, da wart ihr immer der Fanclub von Hoeneß Gnaden. Im Stadion seit Jahren kaum noch anwesend, aber in den Medien weiter schön auf die Pauke hauen! Naja, jeder wie er s braucht…

    Vielleicht entschuldigt sich der Verein ja noch, dann können sich alle Bedenkenträger einen drauf runterholen. Oh, war das jetzt eventuell auch schon wieder ein schwulenfeindlicher Spruch? Man muss ja aufpassen heute…

    Schluss mit der künstlichen Aufregung, auf ein spannendes Derby mit ECHTEN Emotionen. Eisern!

  4. Ich kann bei besten Willen nicht erkennen, was daran homophob ist, auf einen wohl vermeintlichen früheren Arbeitsplatz von Herthaultras/-fans hinzuweisen. Zumindest ich wüsste nicht, dass alle Stricher schwul sind, genausowenig wie alle Nutten hetero sind. Das die Freier der Stricher schwul sind, dürfte klar sein. Um die geht es aber bei dem Transpi nicht. Also was ist hier homophob? P.S.: @Hertha-Junxx seit ihr immer noch drei Mitglieder oder mittlerweile wieder mehr?

  5. Das Banner war dämlich und auch nicht wirklich zielführend. Das können sie weitaus besser und kreativer. Es ist aber nicht so, dass wir auf diese Thematik einen Exklusivanspruch hätten. Das ist ungefähr genauso sinnvoll wie die Rufe “Köpenicker Kinderfi*** – Schwule von der Wuhle” …

    • Nur um es nochmal klar zu stellen: Ich fand das Banner weder lustig noch kreativ. Und Gegner-Bashing sollte besser hingekriegt werden. Am besten so, dass alle schmunzeln können. Beispielsweise beim Derby-Hinspiel mit dem Verweis auf die Landesverfassung in der die Farben der Stadt festgelegt sind. Da hat man ja eindrucksvoll bewiesen, dass man das beherrscht.

      Und bitte jetzt nicht in Kinderkack verfallen und in Argumentationsmuster verfallen a la “Die haben aber angefangen”.

      Schön wäre es imho, wenn die Banner-Erfinder jetzt einfach sagen würden, sorry, war unter der Gürtellinie. Würde auch von einer gewissen Größe zeugen. Damit sollte es aber genug sein. Alles Andere ist künstlich aufgeblähter Mist.

  6. Pingback: Die Presse- & Blogschau für Montag, den 4.2.2013 | Fokus Fussball

  7. Bei aller Toleranz für schwule: Mit dieser öffentlichen Anscheißerei tut ihr euch keinen gefallen! Und dann wundern das die Homophobie zunimmt!

    Eisern

  8. Wer da weiß, welche Altersgruppe für dieses Spruchband zuständig war, sollte dieses mit der Erklärung “Berliner Großschnauze” abtun.
    Denn : Verbales Vorgeplänkel gehört genauso zu einem Derby wie während dem Spiel aus der Ostkurve auch deren “Scheiss Union” nicht fehlen wird. Nicht fehlen DARF!!!!
    Hey, wir sind hier beim Fußball, und nicht beim Jungfern-Kochkurs! Und es steht DAS(!) Hauptstadtderby an, nicht SC Siemensstadt gegen Lok Schöneweide..
    Also? Laßt uns doch wenigstens diese eine Woche bis zum Derby (und während der 90Minuten) böse Sprüche klopfen!
    Scheiss Mietnomaden-BSC! ;-)

    • Welche Altersgruppe das war spielt doch gar keine Rolle. Ich kenn genügend Alte in der Fanszene die genügend Humor haben um nicht jeden kleinen Scherz auf die Goldwage zu legen! Die wissen genau wie die Jungschen das ein Derby ohne Sticheleien kein Derby wäre!

      Der kommentar auf die-eisernen.de ist übrigens echt gut. Seltsam nämlich das die Herthies seit jahren singen “Schwule von der Wuhle” und keinen stört es und jetzt soll unsere Tapete plötzlich der Skandal vorm Herrn sein? Wer austeilt muss auch einstecken können so war es schon immer!

      Und an alle die sich bei dem Libero-Geschreibsel auch nur an den Kopp fassen können: Einfach mal bei unserer Fanbetreuung erkundigen von den Fans welchen Vereins die ganze Dreckschleuderei gegen Union aufgezogen wurde, das erkärt nämlich einiges…

      Hertha und Tebäh die S****** von der Spree!

  9. “Im übrigen bin ich der Meinung, dass man eine Moralkeule nicht so offensichtlich schwingen sollte, solange man sich von einem Theo Zwanziger unterstützen lässt. Hat auch ein Geschmäckle. ”

    Tja, da würd ich mal sagen: Treffer, versenkt! :-D

  10. Jetzt sind also diejenigen, die auf Homophobie hinweisen, für die Zunahme der Homophobie verantwortlich?
    Das ist ja mal eine ganz großartige Argumentation.

  11. Der Autor des Textes scheint mit der Geschichte der Vereine Hertha BSC und 1. FC Union nicht ganz vertraut zu sein. Bis Mitte der 90’er gab es innige Fanfreundschaft zwischen Anhängern beider Clubs und so erklärt sich auch das Transparent. Die Unioner haben einen Treffpunkt für das Derby vorgegeben und die Herthaner haben sich dem angeschlossen. Das Zitat “alte Liebe rostet nicht!” bezieht sich also auf die “alte Liebe” zwischen den Union- und Herthafans. Von Homophobie ist da nichts zu erkennen! Gleichzeitig macht das Plakat auf mehrere gesellschaftliche Problem aufmerksam: Pädophilie und Prostitution im Umkreis des Treffpunktes. Leider hat also der vorliegende Blogeintrag das Thema verfehlt. Schade

  12. Unglaublich dieser Hass. :(

  13. Diese (klar und deutlich) homophobe und niveaulose Herabwürdigung einer fremden Fussballszene ist einfach unfassbar. So etwas hat beim Fussball nichts zu suchen, hier wird deutlich über die Grenzen des guten Geschmacks getreten sowie gegen ungeschriebene Gesetze des Verbandes. Man kann nur hoffen, dass sich der DFB hier einschaltet und harte Sanktionen (bis hin zu einem Geisterspiel für Union) ausspricht. Homophobie beim Fussball ist einfach geschmacklos, denn jeder ganze Kerl sollte das Recht haben, auch im Fussballstadion ‘nem geilen Stecher hinterher zu jagen (machen die Frauen schließlich nicht anders). Diese unsägliche, heraufbeschworene Hasskultur dieser Proletarier namens Ultras ist nicht mehr hinnehmbar. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es bei CSD-Paraden zu blutigen Auseinandersetzungen mit Ultras und ihrem Anhängsel kommt. Solche widerwertigen Szenen hat es früher nie gegeben, da hatte man noch Respekt vor dem Gegner und bei ‘ner Flasche Billig-Sterni über Gott und die Welt philosophiert. Man sollte dieser Unkultur Einhalt gebieten und das Problem offensiv angehen. Ein runder Sitzkreis von aktiven Fanszenen aus dem gesamten Bundesgebiet sowie gut ausgebildeten Pädagogen wäre eine Möglichkeit, diesem tief verwurzelten Schwulenhass den Garaus machen. Falls all dies nichts nützt, muss man wohl oder übel die Schadensverursacher aus den Stadien verbannen, da im Business-Zweig Fussball jede Art von Geschmacklosigkeit der Rendite bzw. dem Absatz des Vereins schadet. Gott sei Dank haben (so hoffe ich) auch die Verantwortlichen gemerkt, dass folgende finanzielle Einbußen dem Verein extrem schaden und haben (hoffentlich) sofort das Gespräch mit diesen sogenannten Fans gesucht. Schlechte Presse schadet jedem unternehmerischen Gebilde – also Schluss damit und Maulkorb anlegen. P.S.: Ich kratz’ mir jetzt erst mal an den Eiern und schau Sat 1.

  14. “Getrübte Freude” nehme ich ehrlich gesagt weder hier noch im Forum noch noch bei FB wahr. Die bei weitem überwiegende Mehrheit findet es cool oder zumindest unproblematisch und die Kommentare auf sämtlichen Plattformen zeugen von erschreckender Ignoranz. Die wenigen kritischen Stimmen ringen sich im besten Fall zu Vokabeln wie “unschön” etc. durch und üben sich im Banalsieren, anstatt einfach mal auszusprechen, womit man es hier zu tun hat: Mit homophober Kackscheiße, die auch keineswegs nur von einer “kleinen Gruppe” durchgezogen wurde, wie ja ständig suggeriert wird. Nebenbei ist diese Kackscheiße ja auch fester Bestandteil des Liedgutes der “Szene Köpenick”.

    Und wenn ich mir diesen Querschnitt der Meinungen reinziehe, wird mir auch eher übel:

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=604098742940028&set=a.278195915530314.88868.184027474947159&type=1&theater

    Da fragt man sich ernsthaft, was all die Kampagnen und öffentlichen Diskussionen der vergangenen Monate und Jahre überhaupt bringen, bei soviel Scheuklappenmentalität und Dummheit.

    • haha, danke für den Link, den man Herrn Bunkus und allen Konsorten unter die Nase reiben sollte, die da meinen, homophobe Äußerungen seien bei den Eisenharten nicht mehrheitsfähig.

  15. Es ist schon lustig, wie hier ausgerechnet die Fans von Un.Berlin, die sonst keine Gelegenheit auslassen, uns auf die angeblich ach so dissidente Haltung ihrer Szene und ihres Clubs während der DDR-Zeit hinzuweisen, laut danach schreien, Fußball und Politik zu trennen, weil aus ihrem Block mal wieder diskriminierende Scheiße kam und es dummerweise wem aufgefallen ist.

    Und sonst so? Das übliche Verharmlosen, Zurückrudern und Kleinreden. Wie immer eigentlich, wenn in dieser Republik der Mob auskreist.

    Nur damit wir uns verstehen: Erna ist genauso ekelig. Aber die stehen gerade nicht zur Debatte.

  16. Pingback: Ein Banner zum Derby « Fußballfans gegen Homophobie

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