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Der Aufklärer

Marcus Urban ist das schwule Gesicht des deutschen Fußballs und seit Erscheinen seiner Biografie »Versteckspieler« ein Mann mit einer Mission. Das österreichische Fußballmagazin ballesterer porträtiert ihn in seiner aktuellen Ausgabe. Urban ging mit Autor Stefan Heissenberger kicken und sprach über seine Karriere nach der Karriere und darüber, wie es mit Homosexualität im Fußball weitergehen wird.

Marcus Urban ist ein gefragter Mann, er kommt gerade von einem Expertentreffen. Der Deutsche Fußball-Bund hatte aus aktuellem Anlass geladen. Im September war im Magazin Fluter ein Interview mit einem anonymen schwulen Spieler aus der deutschen Bundesliga erschienen, das kurzfristig hohe Wellen schlug. Es gab Zweifel an der Echtheit, Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich, und manchem Funktionär wurde vielleicht bewusst, wie wenig die Fußballstrukturen auf das Outing eines schwulen Kickers vorbereitet sind: Was sagen? Wie unterstützen? Urban stellt sich diese Fragen schon länger.

»Versteckspieler«

In dem 2008 erschienenen Buch »Versteckspieler« erzählt der Journalist Ronny Blaschke die Fußball- und Lebensgeschichte eines schwulen Fußballers. Es ist jene des heute 41-jährigen Marcus Urban aus Weimar, eines DDR-Nachwuchsteamspielers mit einer schwierigen Kindheit, mit Ängsten, Depressionen und der Hoffnung, es im Fußball bis nach oben zu schaffen. Urban war auf dem Sprung in das Profiteam von Rot-Weiß Erfurt, aber Selbsthass und die Verleugnung seiner sexuellen Orientierung zehrten an seinen Kräfte. Ein offener Umgang mit Homosexualität erschien ihm zwischen Kabinengesprächen und Schwulenwitzen im Männerfußball undenkbar. Seine Leistungen am Platz wurden schlechter, eine Knieverletzung gab ihm den Rest: Mit 23 Jahren beendete Urban seine Karriere, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Als die ehemaligen Mitspieler durch das Buch und die öffentlichen Auftritte von seiner Homosexualität erfahren, sind die Reaktionen fast durchwegs positiv.

Alleinstellungsmerkmal schwul

Beim Gespräch in einem Berliner Café bestellt Marcus Urban einen Pfefferminztee. Kaffee habe er bei der Sitzung heute schon genug getrunken. Durch das Interview im Fluter werde er mit Medienanfragen derzeit regelrecht bombardiert, sagt er. Adrian Bechtold, den Journalisten, der das Interview geführt hat, habe er beraten. Urban hat, anders als 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster, auch keine Zweifel an der Echtheit des Interviews. Es werde bald schon zu einem Coming-out in der deutschen Bundesliga kommen, sagt er wie jemand, der etwas weiß, was andere nicht wissen.

Betrachtet man Urban als Unternehmer seiner selbst, hat er das, was im Marketing als »Unique Selling Proposition« bezeichnet wird: ein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der einzige schwule Fußballer im deutschsprachigen Raum, der einer breiteren Öffentlichkeit als solcher bekannt ist. Wann immer das Thema für Medien oder Funktionäre interessant ist – und das ist es immer öfter –, wird er angefragt. Mittlerweile könne er diese öffentliche Rolle annehmen, sagt Urban. Und auch gut davon leben.

Mission als Profession

Nach dem Erscheinen von »Versteckspieler« wandten sich Fußballer, Leichtathleten, Boxer und Physiotherapeuten, zumeist Männer, mit ähnlichen Problemen an ihn. Irgendwann, so Urban, sei daraus eine Mission geworden. Er begann eine Ausbildung zum Coach und gibt seit 2010 seine Expertise professionell weiter. Neben der Tätigkeit als Personal Coach berät er Unternehmen im Diversity Management – um Diskriminierungen zu verhindern und soziale Vielfalt für die Firmen nutzbar zu machen. Zudem hält er Seminare und Vorträge und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. 90 Minuten Coaching kosten 150 Euro, je nach Aufwand sind 500 bis 1.200 Euro für ein Konzept und 1.500 Euro für ein Tagesseminar veranschlagt. Das seien marktübliche Preise, sagt Urban. Seine finanzielle Situation habe sich durch die Selbstständigkeit verbessert. Das sei aber nur ein Nebeneffekt, betont er. Geld sei ihm nicht so wichtig. »Hilfsbereitschaft, Empathie und Zusammenhalt sind das A und O in meinem Leben. Wenn ich jemandem helfen kann, erfüllt mich das mit einem inneren Leuchten«, sagt Urban. In seiner Sprache schimmert die Beschäftigung mit dem Buddhismus immer wieder durch.

Fair und fordernd am Platz

Wir fahren zum Training des schwulen Hobbyfußballvereins SSL Vorspiel Berlin. Urban hatte den Obmann des Vereins per E-Mail angefragt, ob er mittrainieren könne, da er gerade in der Stadt sei. »Hi, ich bin Marcus«, begrüßt er die Spieler in der Kabine. Einige kennen ihn aus den Medien. Man merkt ihm die Vorfreude auf das Spiel an. Das Training beginnt. Urban fügt sich spielerisch und sozial gut ein. Ein Spieler fragt den Obmann, wer der Neue sei. »Ah, gegen den habe ich schon einmal bei einem Turnier gespielt. Der ist ein Verrückter auf dem Platz«, sagt er. »Er kann sich und sein Thema gut in der Öffentlichkeit verkaufen, aber so wird das jetzt endlich auch diskutiert.« Im zweiten Teil des Trainings machen wir ein Match. Urban kommt immer besser in Fahrt. Er fordert Bälle, schlägt ein paar Haken, gibt den Ball im richtigen Moment ab, spielt fair und gut.

Nach dem Training fahren einige Spieler noch in das Stammlokal des Vereins. Urban kommt auch mit. Er wird nach seiner Arbeit und seiner Fußballvergangenheit bei Rot-Weiß Erfurt gefragt. Offen und auch ein wenig stolz erzählt er davon. Nach etwa einer Stunde machen Urban, ich und ein Fußballer von Vorspiel uns auf den Heimweg. Letzterer erzählt von sich, von seiner Vergangenheit, seinem Outing und seiner heutigen Situation. Leicht ironisch schlägt Urban vor, ihm als Coach bei dem einen oder anderen Problem weiterzuhelfen. »Nee, nee, such dir da mal ein anderes Opfer«, bekommt er als Antwort. In Urbans Augen blitzen kurz Verwunderung und Ärger auf. Dann lacht er laut. Bei der Verabschiedung schlägt er einen weiteren Interviewtermin vor.

Ein Kreis schließt sich

Wir treffen uns am nächsten Tag bei sonnigem Wetter in einem Café in Schöneberg, einer bei Lesben und Schwulen beliebten Gegend in Berlin. Sein Partner, mit dem er zusammen in Hamburg lebt, hat hier eine Wohnung. Urban ist gut aufgelegt, strahlt ein wenig. Er erzählt von einem Schiedsrichter, der sich vor Kurzem in einer Kleinstadt in Brandenburg geoutet hat. Lange hatten sie diesen Schritt gemeinsam vorbereitet. Als sich der Schiedsrichter vor seinen Kollegen outete, bekam er Applaus. Sie gratulierten ihm zu seinem Mut. Das seien die Erfolgserlebnisse, für die er arbeite, sagt Urban.

»Das Versteckspiel kostet die Menschen so viel Energie. Wenn wir es nur schaffen würden, unsere Gesellschaft toleranter zu machen. Was da alles zusammenhängt. So könnte etwa Landflucht und Ärztemangel im ländlichen Raum entgegengewirkt werden, wenn sich Schwule und Lesben auch außerhalb von Städten wohler fühlen würden.« Marcus Urban will diese Entwicklung vorantreiben. Er sieht sich dabei als Aufklärer. Er ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein, einer, der in großen Maßstäben denkt.

Trotz positiver Beispiele gebe es nach wie vor Homophobie im Fußball. Er erzählt von einem Spieler, dessen Mannschaftskollegen vermuteten, dass er schwul sei. Er outete sich schließlich und wird seitdem gemobbt. Urban steht ihm beratend zur Seite. In diversen Gremien und Arbeitsgruppen arbeitet Urban an Strukturveränderungen mit: Fußball soll vielfältiger, die Vereine offener für Schwule und Lesben werden. Nebenbei arbeitet er an einem Buchprojekt zu dem Thema. Privat spielt er in einem schwulen Hamburger Hobbyteam. Dass er seine Karriere aufgegeben hat, bereut Urban. Das Kicken sei sein Ein und Alles gewesen. Damals aber habe es schlicht keine Alternative gegeben. Durch seine heutigen Aktivitäten im Fußball schließt sich ein Kreis.

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Zum Autor: Stefan Heissenberger, 30, ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er forscht über Männlichkeit, Homosexualität und Rituale im Fußball.

Der Beitrag erschien ursprünglich in der aktuellen Printausgabe (Nr. 78, Titelthema Alex Ferguson) des österreichischen Fußballmagazins ballesterer.

20. Dezember 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Pingback: Die Blog- und Presseschau für Freitag, den 21.12.2012 | Fokus Fussball

  2. Ich kann diese ganze Diskussion darüber nun wirklich nicht verstehen. Wo ist denn das Problem?
    Es soll doch jeder das machen, was er will. Dass sich da manche darüber aufregen kann ich gar nicht verstehen!

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