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Runter von der großen Bühne

ein Text von Stefanie Fiebrig, textilvergehen.de

Es ist die am häufigsten gestellte Frage, wenn es um Fußball und Homosexualität geht. Wer? Wer ist der Nationalspieler, Bundesligaspieler, Fußballstar, der sich als erster outet? Warum sie zugleich die falscheste aller Fragen ist, hat die Fachtagung »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« des Berliner Fußballverbandes am vergangenen Freitag deutlich gemacht. Im Workshop 3 saßen und diskutierten überwiegend Frauen und Männer, die Fußball spielen, Mannschaften trainieren, Spiele leiten und Fanclubs oder Interessenvertretungen von Fußballfans angehören. Ihr Thema: »Was hinter den vier Wänden zu Hause passiert, ist mir doch egal, Hauptsache auf dem Platz wird Leistung gebracht!«

Ein Ablenkungsmanöver

»Es gibt Kollegen, die seit 30 Jahren Spiele pfeifen und es normal finden, dass mich der Trainer einer Mannschaft als Scheiß-Lesbe bezeichnet«, erzählt eine Schiedsrichterin, die im Männer- und im Frauenbereich tätig ist. Ihr Handlungsspielraum ist begrenzt, sagt sie. Klar, sie kann den betreffenden Trainer für den Rest des Spiels auf die Tribüne schicken – soweit der Platz über dergleichen verfügt. Das Problem wird dadurch nicht gelöst. »Nächste Woche steht er wieder da, und natürlich trainiert er weiterhin seine Mannschaft.« Die Schwierigkeiten, die sie beschreibt, sind kein Problem des Premiumproduktes Bundesliga. Es ist der Alltag der Amateurspielklassen, es ist der Breitensport Fußball. Dazu gehört auch, dass ihre Bezahlung höher ausfällt, wenn sie ein Spiel der Männer pfeift, obwohl sie bei einem Spiel der Frauen und Mädchen genau die gleiche Arbeit macht.

Wer nun also nach dem ersten prominenten Fußballspieler fragt, lenkt davon ab, wo die Arbeit – auch die journalistische – eigentlich ansetzen müsste. An der Basis, in den unteren Spielklassen. Dort, wo heute Trainer und Schiedsrichter ausgebildet werden. In den Vereinen. In der Kreisliga.

Auf die Basisarbeit kommt es an. | Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine

Die Gesellschaft ist nicht tolerant

Gleich zu Beginn der Veranstaltung hat die Autorin Almut Sülzle einige Thesen zur Diskussion gestellt. Eine davon lautete: »Unsere Gesellschaft (außer im Fußball) ist nicht mehr homophob.« Stimmt gar nicht, meint Almut Sülzle. Man schiebe das Problem nur dem Fußball zu.

Antidiskriminierungsarbeit ist in der Tat kein explizites Fußballthema. Zivilcourage ist in Fußballstadien genauso gefragt wie an allen anderen Orten auch. Am und auf dem Fußballplatz stehen nicht die Bewohner eines Paralleluniversums, sondern die gleichen, die man beim Bäcker, beim Friseur, im Büro oder in der Schule trifft. Ganz normale Menschen.

Christian Rudolph gehört dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg an, dessen Hauptaufgaben Beratung und gesellschaftliche Aufklärung sind. Seine Grunderfahrung: verschlossene Türen. Die meisten Menschen wollen mit dem Thema Homosexualität nicht behelligt werden.

Einer, der sich outet

»Brauchen wir den einen, der sich outet, für die inhaltliche Arbeit?«, fragt eine angehende Trainerin in die Runde. Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Nein, weil Aufklärung andere Mittel kennt. Ja, weil ein Vorbild helfen kann. Nein, weil einer alleine das nicht aushalten kann. Nein, weil eine Sensationsmeldung kein Umdenken bewirkt.

Was stattdessen sinnvoll sein kann, erklärt Robert Claus, Mediateam Türkiyemspor. Symbolische Aktionen sind wichtig, sagt er – obwohl gerade sein Verein für die Mitarbeit am Sport- und Kulturprogramm Respect Gaymes 2008 viel Kritik geerntet hat. Teilweise haben Mitglieder den Verein dafür verlassen. Das gilt es auszuhalten. Niedrigschwellige Bildungsangebote, speziell im Jugendbereich, seien ebenfalls ein sinnvolles Mittel. Auszeichnungen wie die Berliner Tulpe setzen Anreize. Kooperationen und Netzwerke. Dokumentation und Thematisierung diskriminierender Vorfälle.

Robert Claus weist allerdings auch darauf hin, dass Aktionen gegen Homophobie wenig Sinn ergeben, wenn Vereine gar nicht über eine Frauen- und Mädchenabteilung verfügen. Zum einen ist Homophobie kein reines Männerthema, es findet im Frauenfußball genauso statt. Zum anderen ist Homophobie mit Sexismus eng verknüpft. Die meisten homophoben Äußerungen sind gleichzeitig sexistisch. In der Mehrzahl werten sie Frauen ab.

Hallo, Berlin!

Wenn man sich die Website des Berliner Fußballverbandes ansieht, fällt zweierlei auf. Es gibt sie nicht, die Frauen- und Mädchenabteilung. Auch Beirat und Präsidium setzten sich ausschließlich aus Männern mittleren Alters zusammen. So richtet der Verband zwar Veranstaltungen wie »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« aus, in seiner täglichen Arbeit findet sich aber wenig davon wieder. Der einen Hälfte der Gesellschaft fehlt hier eine Interessenvertretung.

Verständlich sind deshalb die Forderungen der Workshop-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen an Vereine, Verbände und die anwesenden Journalisten: Macht Homophobie zum Thema, lasst uns nicht unsichtbar bleiben! Dazu gehört, dass dort entsprechende Strukturen geschaffen werden, wo sie fehlen. Dazu gehört eine Berichterstattung, die weniger auf Sensation setzt, sondern mehr auf Sensibilisierung.

Auch Handlungsempfehlungen, wie es sie für den Umgang mit rassistischen Äußerungen schon gibt, wären hilfreich. Es ist uns halbwegs gelungen, das Wort »Neger« aus unserem Wortschatz zu verbannen. Wir konnten uns irgendwann darauf verständigen, dass das ein Schimpfwort ist. Das sollte für »schwule Sau« und »Scheiß-Lesbe« auch möglich sein.

07. November 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Die schlechtere Bezahlung im Frauenfußball ist nur auf den ersten Blick diskriminierend. Bis zur A-Jugend kicken die Mädchen jeweils 2 x 5 Minuten weniger.

    Zum Zweiten richten sich die SR-Kosten ein wenig auch nach der Attraktivität der Spielklassen. Spiele mit weniger Besuchern machen Vereinen es schwer, die Kosten für die Unparteiischen zu refinanzieren. Ergo werden die Spesen dort auch niedriger angesetzt.

    Die zuletzt von dir genannten Worte sind Schimpfworte. Da muss man gar nicht erst diskutieren. Diese werden aber von Individuen benutzt. Bewusst benutzt. Da hilft es wohl nur, diese auszugrenzen. Also sind Verbandsanktionen (Sperren für Funktionäre, Geldstrafen für Vereine) angesagt. Die Vereine werden dann irgendwann den Geduldsfaden verlieren und sich ihre kostenverursachenden Sportskameraden zur Brust nehmen.

    Wenn diese Vergehen aber nicht angezeigt werden … Wo kein Kläger, da kein Richter.

    Und zum Thema Medien: Dort, wo diese Vorkommnisse sind, sind in der Regel keine Journalisten vor Ort, sondern maximal beflissene Vereinsgeister, die nicht gerne einen schwarzen Fleck auf die Vereinsweste zaubern.

  2. Das mit der zeitlichen Differenz wusste ich nicht, und ich kann nicht mit Gewissheit sagen, welche Ligen die Schiedsrichterin, mit der ich gesprochen habe, pfeift. Ihren Worten habe ich entnommen, dass sie auch Männer und Frauen pfeift, aber ganz sicher weiß ich es nicht. Insofern: Danke für den Hinweis.

    Die Attraktivität der Spielklassen – nachvollziehbares Argument, aber es sollte eben nur nach Spielklassen unterschieden werden, nicht nach Männern/Frauen. Gefühltes Wissen: Bernd Schröder hat sicherlich zeitlebens weniger verdient als Hans Meyer. Same Job. Gleiche Liga. Gleiches Arbeitspensum. Nur ist im Frauenfußball die Definition von attraktiv Lira Bajramaj. Schwierig.

    Kläger und Richter: Genau deshalb ist Öffentlichkeitsarbeit – auch die der Vereine – so gefragt. Und mich hat Türkiyemspor in der Hinsicht wirklich sehr beeindruckt. Und icke geb mir ooch Mühe ;)

  3. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Donnerstag, den 08.11.2012 | Fokus Fussball

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