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Grenzenlos

Wieso gibt es überhaupt schwule Fanclubs? Ist das nicht auch eine Form der Ausgrenzung, eine Art Abgrenzung gegenüber den anderen, »normalen«, heterosexuellen Fans und Fanclubs? Wieso kann man nicht auch als Schwuler einem Fanclub beitreten, der nicht unter dem Label »schwul-lesbisch« auftritt?

Diese Fragen kamen diese Woche im Blogspot von Sportradio 360 auf, der wöchentlichen Bloggertalkshow, zu der mich Moderator Patrick Völkner netterweise eingeladen hatte, um mit ihm und weiteren Gästen ein wenig über die »Aktion Libero« und Homosexualität im Fußball zu plaudern. Während der Sendung fiel es mir schwer, adäquat und mit der nötigen Klarheit auf Äußerungen wie die oben aufgelisteten einzugehen. Skype, das ausgeliehene Headset, der quietschende Stuhl, nebenan die Katze, die ich in Erwartung abendlicher Katzencraziness vorübergehend im Schlafzimmer eingesperrt habe – das war alles ungewohnt für mich und ein bisschen aufregend (und auch ein wenig amüsant), ihr wisst ja, wie das ist: das Kurzatmige, die schwitzigen Hände, das klopfende Herz, die verlorenen Fäden. Plötzlich denke ich an Milchreis und dass das Bild schief hängt und: Verdammt, hoffentlich klingelt nicht ausgerechnet jetzt das Telefon!  Mimimimiau.

Weil es mir in der Sendung nicht so gut gelungen ist, möchte ich also jetzt, mit ein wenig Abstand, etwas ausführlicher auf die Fragen da oben eingehen. Das ist mir wichtig. Also bitte schön:

Es gibt Fanclubs, weil es Fans gibt.
Es gibt schwule Fanclubs, weil es schwule Fans gibt.
Es gibt Fanclubs mit Leuten, die sich aufgrund einer bestimmten Gemeinsamkeit zusammengefunden haben. Nicht nur, dass sie denselben Verein lieben – nein, sie sind auch noch alle begeisterte Hobbyangler. Wow. Oder wohnen in derselben Straße. Oder hören dieselbe Musik. Yeah. Dieser gemeinsame Nenner verbindet, es macht Spaß, sich mit Menschen zu umgeben, mit denen man etwas gemeinsam hat. Jeder macht das so. Es gibt Yogagruppen, weil es Leute gibt, die gerne Yoga machen. Diese Yogaleute würden nur ungern in einen Pilateskurs gehen, weil das eben nicht so ganz dasselbe ist. Was nicht heißt, dass sie Pilates und sämtliche Pilatesfans hassen und meiden. Aber es ist nicht dasselbe. Logisch, oder? Und voll okay. Niemand käme auf den Gedanken, die Frage zu stellen, ob sich die Yogamenschen nicht in unangenehmer Weise von anderen abgrenzen. Und ob das denn wirklich nötig ist, dass sie jetzt auch noch ihre eigenen Yogagruppen gründen.

Nun ist natürlich sonnenklar, dass Homosexualität kein Hobby ist, das man sich aussucht, weil es einem gerade Spaß macht und körperlich und seelisch guttut, aber das ist, mit Verlaub, auch schon der einzige wesentliche Unterschied zu Yoga.

Ein Schwuler geht in einen schwulen Fanclub, weil er sich dort wohlfühlt. Er hat über die Fußballleidenschaft hinaus etwas gemeinsam mit den anderen Fans, etwas, wofür er sich heutzutage in anderem Kontext immer noch häufig rechtfertigen muss, wofür er womöglich angefeindet wird und das er manchmal nicht öffentlich leben kann. Hinzu kommen natürlich ganz individuelle Beweggründe. Der eine hat schlechte Erfahrungen gemacht mit nicht schwulen Fanclubs. Der andere traut sich aus verschiedenen Gründen noch nicht an die Öffentlichkeit mit seiner sexuellen Orientierung und findet im schwulen Fanclub eine Atmosphäre vor, in der er sich um diesen Punkt keine Gedanken machen muss. Es fragt ihn niemand, es guckt auch keiner doof. Der Nächste findet es gut, zu demonstrieren, dass auch Schwule einen festen Platz im Fußball haben, und hängt vor jedem Spiel das Banner des Fanclubs im Block auf, um ein Zeichen zu setzen. Einem anderen sind Zeichen völlig schnuppe, aber seinen Freund, den findet er wichtiger als alles andere und genießt jeden einzelnen Stadionbesuch mit ihm. Bei jedem dieser Fans hat sich das irgendwann so ergeben. Manche haben gezielt nach ihrem Fanclub gesucht, andere sind da so reingerutscht. Das ist auch bei nicht schwulen Fangruppierungen so, und bei Yogakursen.

Jeder Mensch hat das Recht und die Freiheit, jedem Fanclub (Angelverein, Yogakurs …) beitreten zu wollen und sich ein zu ihm passendes Label auf die Stirn zu kleben – königsblau, schwarz-gelb, liberogrün oder regenbogenbunt. Es gibt Milliarden davon. Wer also danach fragt, ob die Existenz eines schwulen Fanclubs nicht ein Zeichen bewusster Abgrenzung sei, setzt erst durch diese Art der Fragestellung selbst eine Grenze, wo zuvor keine war.

*

Das Gespräch bei Sportradio 360 zum Nachhören:

Play

Download der MP3-Datei (23:18 Minuten, 8 MB)

15. November 2012 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich beim Anhören der Sendung auch so ein unbestimmtes Gefühl, dass sich die Diskussion zeitweise in schwierige Gefilde hinein entwickelte, und obschon ich finde, dass man Dir weder die schwitzigen Hände noch die verlorenen Fäden (die anderen Sachen auch nicht) anmerkte, verstehe ich Deinen Wunsch, den einen oder anderen Gedanken hier noch einmal explizit auszuführen.

    Und freue mich, dass Du es getan hast.

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