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Weil wir es müssen

ein Text von Anna Dreßler, www.gruenweiss.org

Stimmengewirr. Farbendurcheinander. Vereinslogosalat. Der Kaffee ist alle. Die Spannung steigt. Die Ohren werden weiter. Die Münder schmaler. Auf der kleinen Bühne wandern Lichtflecken, flackern aufgeregt, bis sie schließlich ruhend das gesamte Podest erhellen. In der Mitte sechs Menschen auf Stühlen im Kreis, unruhig, nervös, wartend. Dann Stille, dann eine Ansage, eine Begrüßung. ?Mein Blick geht durch den Raum. Es ist ungewohnt, zwischen so vielen verschiedenen Fangruppen zu sitzen. Für mich, die es gewohnt ist, sich von Fans anderer Vereine fernzuhalten, nicht aus Bösartigkeit oder Feindseligkeit, nur aus einem tiefen Sicherheitsbedürfnis heraus, dem nicht jeder Fan des Gegners gerecht wird. Doch heute sind das alles keine Gegner, nur Gäste.

Ich sitze im Ostkurvensaal des Weserstadions, im Normalfall ein Ort, der Werderfans vorbehalten ist. Heute findet hier eine Diskussion im Rahmen des XI. Queer-Football-Fanclubs-Treffens statt. 23 Vereine, hauptsächlich deutsche, aber auch Schweizer, und direkt vor mir sitzt eine Reihe Spanier in blauroten Trikots, gut gelaunte Flüsterstimmen.

Als auf der Bühne die Vorstellungsrunde endet, beginnt erst eine unsichere Stille, dann ein Wechselbad an unterschiedlichsten Themen. Ich bin überrascht. »Homosexualität und Homophobie – Eine Aufgabe für Fans und Fanprojekte?« steht auf meinem Zettel. In der Diskussion steht: gute Jugendarbeit, politische Unabhängigkeit der Vereine, es geht um die unabänderliche Verstrickung von Politik und Sport, um die Grenzen zwischen Schutz, Kontrolle und willkürlicher Zensur, um Banner, um Rassismus, um Meinungen, um Organisatorisches, um Finanzen, Ultras und Aachen. Um die Sinn- und Zwecklosigkeit des Verbots rassistischer Symbolik und die Unmöglichkeit des Duldens selbiger. Es geht um offene Dialoge und um Verleumdungen vorhandener Probleme, um Städte, die verweigern, zu sagen: »Wir haben ein Problem mit Nazis.« Die Sinnlosigkeit, Symbole zu verbieten, wenn die Köpfe unter den Mützen und die Herzen hinter den Jacken voller Hass und Intoleranz bleiben. »Wenn wir die Symbole verbieten, ziehen die die Jacke aus und sind trotzdem da«, fasst Tobias Grunewald das Dilemma zusammen.

Dann geht es um den DFB und seinen unvollständigen Antidiskriminierungsparagrafen. In dem weder die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts noch die aufgrund sexueller Orientierung zur Sprache kommt. »Fußballmafia DFB!« tönt es nicht wirklich unerwartet aus mehreren Ecken des Raumes.? Auch gibt es nur wenige Vereine, in deren Satzung sich ein entsprechender Halbsatz findet. St. Pauli, Mainz, Wolfsburg und der BVB – vier Vereine, die sofort aufgezählt werden, bei allen anderen ist man sich nicht sicher.

Wenig später taucht irgendwoher der Name »Weidenfeller« auf, unweigerlich kippt das Thema zum Sanktionsmaß um. Markus Delnef redet von der Mainzer Haupttribüne, die voll von sexistischen Sprüchen sei, ohne dass es irgendjemanden kümmere, und auf der anderen Seite gebe es eben hart sanktionierte Stehblocks. »Das Problem bei den Sanktionen ist, dass sich die Vereine fragen: Wie komme ich billig aus der Sache heraus?«, erklärt Grunewald. Delnef kritisiert, dass viele Vereine genau aus dieser Fragestellung heraus tatsächlich beginnen, homophobes Verhalten zu verteidigen. Denn wenn ein schwuler Fanclub provoziert, dann dürfe man sich ja nicht wundern, wenn ein entsprechendes Antwortbanner eben genau auf diese Gemeinsamkeit der Homosexualität abziele. Schließlich einigt man sich darauf, dass Aufklärung und Fortbildung wichtige Maßnahmen wären und Weidenfeller beim nächsten Verstoß doch einfach mal eine Schulung besuchen müsse, in der er sich inhaltlich mit dem Thema beschäftigen solle.

Die Suche nach Lichtblicken und Vorbildern ist weit schwieriger, als Negativbeispiele zu nennen. Und irgendwie ist es ja doch so: Beim Reden über Homophobie fallen jedem so viele Situationen und Sätze ein, auch und gerade aus dem Fußball – von Spielern, Funktionären, aus Fangesängen, den alltäglichen Schiedsrichterbeleidigungen und, und, und. Doch Positivbeispiele? Fehlanzeige. Bei der Frage nach Vorbildern schweigen Publikum und Diskussionskreis. Selbst der Nationalmannschaftskapitän hat davon abgeraten, sich als Fußballprofi als schwul zu outen. Und das Schlimme sei ja, dass er damit Recht habe, spricht einer aus dem Publikum eine bittere Wahrheit aus. Es ist nicht karriereförderlich. »Und darin liegt ja auch das Problem: Die Spieler outen sich erst, wenn sie nicht mehr anders können, weil sie aufgrund des Drucks und des ständigen Versteckens ihre Leistung nicht mehr bringen können. Wir alle«, sagt Grunewald und umfasst mit einer weiten Geste den gesamten Raum, »wissen, glaube ich, sehr gut, wovon ich da rede. Wie viel Leistung geht verloren, weil sich schwule Fußballer permanent verstecken müssen?« ?Dieser Satz klingt eine Weile vorwurfsvoll in die Stille hinein, bis er schließlich in Beifall mündet.

Warum ist das Beitrittsalter bei schwulen Fanclubs so viel höher als bei anderen? Warum braucht es so lange, zu etwas so Selbstverständlichem wie Liebe und Sexualität stehen zu können – oder zu dürfen? Warum muss ein Teil der Gesellschaft um dieses grundlegende Recht so hart kämpfen? Warum ist es noch immer und noch lange nicht Normalität? Warum kann nicht jedes Aufeinandertreffen mit anderen Vereinsfans so friedlich und fröhlich sein wie dieses hier? Warum geht »schwul« noch immer vielen mühelos als Beleidigung über die Lippen? ??Ich frage meinen Sitznachbarn, wie das so ist, ob schwul-lesbische Fanclubs gegründet werden, weil sie in den herkömmlichen Fanclubs nicht akzeptiert werden, oder ob es darum geht, das Thema in die Öffentlichkeit und damit ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. ?»Beides«, antwortet er nach einer kurzen Denkpause, »aber vor allem, weil wir es müssen.«

18. September 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

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