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»Homophobie ist was für Schwuchteln« – die Geschichte eines Zitats in vier Akten

ein Text von Daniel Wagner & David Frogier de Ponlevoy, www.flatterball.net

Illustration: © Herr Wagner

Louis »Loulou« Nicollin – ein Name, den man sich merken sollte, aus vielerlei Gründen. Eine überlebensgroße Gestalt, halb Comic, halb klassische Tragödie, für manche ein Abziehbild des Gestrigen, für manche eine Büste handfester Werte.

In seinem Heimatland Frankreich ist er berühmt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Oder das Buntschwein. Das träfe es für manche besser, denn Loulou ist für seine Kritiker genau das: ein Schwein. Das meint nicht nur die etwas geschmacklose Kritik an der Statur des, sagen wir: Lebemanns – es bezieht sich vor allem auf seine Ausdrucksweise. Anhänger würden sagen: Direkt, auf liebenswürdige Weise gradlinig. Gegner sagen: Derb. Vulgär.

Nicollin ist Großunternehmer. Er verdient sein Geld vor allem mit Müll. Müllaufbereitung, um genau zu sein. Seit knapp 40 Jahren ist er außerdem Chef beim Erstligaclub Montpellier. In dieser Zeit hat Nicollin mit viel Hingabe und noch mehr Geld aus dem Kleinstadtclub einen Pokalsieger gemacht; unter seiner Führung kickten unter anderem der spätere Weltmeister Laurent Blanc, der blonde Afro von Carlos Valderrama und der König von Manchester höchstselbst, Eric Cantona, am Mittelmeer gegen den Ball.

Nach einigem Auf und Ab hat sich Montpellier in den letzten Jahren in der ersten Liga etabliert. Dieses Jahr könnte, im Wortsinn, das Meisterstück folgen: Fünf Spieltage vor Schluss führt der Kleinstadtclub die erste französische Liga an, zwei Punkte vor den Ölmillionen von Paris St. Germain.

Klingt sympathisch – ein Mann und sein Club. Eine Reibungsfläche, die dem Fußball gut tut; der Boss der Gladiatoren aus der Provinz, der es mit dem Hauptstadtclub aufnimmt. Man stelle sich eine krassere, wuchtigere, wütendere Version von Uli Hoeneß vor, der den SC Freiburg zum Titel führt – und man hat ein ganz gutes Bild eines Mannes, der in Frankreich als »personne volcanique« gilt. Markige Sprüche, ein raffinierter Geschäftssinn, die Vermählung von Kommerz und sportlichem Erfolg. So weit, so einfach.

Allein, es fehlt die entscheidende Zutat: der Hang zur lautstarken, zur ungefilterten Homophobie.

Erster Akt: Der Auslöser

Nicollins berühmtestes, sein stilbildendes Zitat stammt aus dem Jahr 2009.

Ligaspiel Auxerre gegen Montpellier. Auxerres Benoît Pedretti verleitet Montpelliers Tino Costa zu einer gelbroten Karte. Aus der Sicht mancher Zuschauer eine Szene mit Verdacht auf Schauspielerei. Passiert hundert Mal, jedes Wochenende, überall.

Allein Loulou Nicollin ist nicht einverstanden. Nach dem Spiel steht die wuchtige Gestalt vor der Fernsehkamera, schimpft auf den Gegner und bezeichnet Pedretti als »petite tarlouze«. Nun lassen sich Schimpfwörter immer schwer übersetzen. »Bullenscheiße« klingt auf Deutsch deutlich niedlicher, als es auf Englisch gemeint ist. »Tarlouze«, das liegt irgendwo zwischen »Schwuchtel«, »Warmduscher« und »Weichei«. Gemeint ist: ein schwacher Mann. Und schwache Männer sind keine echten Männer. Also schwul.

Entrüstung folgt – aber auf Sparflamme. Ein Mann, der seinen Spielern vorwirft, dass sie »Eier wie verschrumpelte Oliven« haben, oder spöttisch Richtung Paris erklärt, die Vereinsbosse müssten sich eigentlich angesichts des Erfolgs von Montpellier »mit einer Wurst durch den Hintern aufspießen« (und er sagte natürlich nicht »Hintern«) – einem solchen Mann lässt man auch homophobe Sprüche durchgehen. »So ist er halt.« Kicher, kicher. Vereinzelte Proteste helfen Nicollins Statur mindestens so viel wie sie ihr schaden.

Der Spruch geht in das Lexikon der Bonmots des französischen Fußballs ein. Und wie das mit Bonmots so ist: Man freut sich mehr über sie, als dass man sie hinterfragen würde. Ein mäßig lustiger Fake-Twitter-Account von Nicollin postet seitdem regelmäßig Kommentare, in denen andere Spieler als »tarlouze« bezeichnet oder mit Pedretti verglichen werden. Kicher, kicher.

Zweiter Akt: Die Wiederverwertung

2011 startet der französische Verband eine Kampagne gegen Homophobie. Unter dem mittelprächtig einfallsreichen Titel »Rote Karte für die Homophobie« (»carton rouge à l’homophobie«) tritt eine ganze Reihe von französischen Fußballgrößen in einem Video auf. Schwarzweiß-Optik, melancholische Klaviermusik. Vielleicht nicht gut gemacht, aber gut gemeint.

Der Verbandspräsident markiert den Anfang, gefolgt von Jungstars und Altstars, Trainern, einem Rugbyspieler und natürlich einer Einblendung des Kampagnenlogos.

Der Höhepunkt aber, die explosiven letzten vier Sekunden, die Frankreich zum Kichern bringen, sind Loulou vorbehalten:
»L’homophobie, c’est reservé aux petites tarlouzes.«
Homophobie – das ist was für Schwuchteln.

Dritter Akt: Die Auszeichnung

Die Reaktion in Frankreich schwankt zwischen »Genial!« und »Wie bitte?«. So ganz weiß die französische Öffentlichkeit nicht, was sie davon halten soll. Ob sie das lobt oder rügt. Sie entscheidet sich für Ersteres.

Nicollin wird vom einflussreichen Verband »Paris Foot Gay« mit dem Prix Pierre Guénin bedacht – einem Preis für Menschen, die sich in der Bekämpfung der Homophobie besonders hervorgetan haben. Und es wird gejubelt: Nicollin ist geheilt von seiner Homophobie – er ist bekehrt! Endlich versteht man ihn richtig, den Mann mit dem derben Maul und dem guten Herzen. Sein Fußballclub Montpellier engagiert sich aktiv gegen Homophobie. Alles scheint in bester Ordnung. Das Pendel schlägt eindeutig in Richtung: Der ist halt direkt. Ein Charakterkopf. Der meint es nicht so. Ist doch lustig. Und so weiter.

Vierter Akt: Die Bewertung und der Rückschlag

Wie reimt man sich das als Außenstehender jetzt alles zusammen? Mit alttestamentarischen Prinzipien? Gleiches mit Gleichem bekämpfen, Feuer mit Feuer vergelten?

Oder ist es am Ende irgendwie doch nur ein ziemlich missglückter Versuch, witzig und kreativ sein zu wollen? »Ausländerfeindlichkeit, das ist was für Neger!« Würde jemand tatsächlich über einen solchen Satz lachen? Darf man homophobe Schimpfwörter sanktionieren, wenn man dafür »der guten Sache« dient? Einige gehen das Thema ganz besonders intellektuell an; sie erklären, es gehe darum, das eigentlich harmlose Wort »tarlouze« von seinem homophoben Kontext zu befreien. Zweifel sind angebracht, ob Nicollin das genauso sagen würde. Und es bleibt die Frage: Kann man einer Sache dienen, indem man sie gleichzeitig unterschwellig befeuert?

Mitte April erklärt Nicollin in die bereitwilligen Mikrofone, er habe vor dem Spiel Marseille–Montpellier zu viel Angst gehabt; er sei deswegen nicht nach Marseille ins Stadion gereist; er sei da feige; er sei halt ein »Schwuler«. Gemeint ist: ein Weichei. Weichei – war da nicht was?

Vielleicht war es doch ein bisschen blauäugig anzunehmen, dass ein Clip, eine Auszeichnung und ein paar warme Worte Louis Nicollin plötzlich dazu bringen, seinen Charakter zu ändern. Dem Preisträger kann’s egal sein. Dem Verleiher des Preises weniger: »Paris Foot Gay« muss es mit ansehen, ringt sich selbst ein gezwungenes Lächeln ab. Man will die Sache nicht so ernst nehmen. Offizielle Reaktion: »Nicollin hatte offenbar sein Coming-out.«

23. April 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. sehr intelligent geschrieben. man muss ‘ne weile drüber nachdenken…

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  3. Bringt dich das Nachdenken denn irgendwo hin? Das war unsere größte Hürde beim Schreiben — die Tatsache, zumindest scheint es so, dass man das Ganze nicht in “gut vs. schlecht”-Begriffen bewerten kann.

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  5. Pingback: #Blog11: Homophobie für Schwuchteln,Talibanvideos & Sandhausen | "Reeses Sportkultur"

  6. diese wort ist schon in sich selbst homophob! ‘schwuchtel’ ‘schwanzlutscher’ ‘no homo’ das sind alles begriffe die homosexuelle männer abwerten sollen!

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