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Ein Hitlerbart aus Fairtrade-Schokolade

ein Text von Stefanie Lamm, textilvergehen.de

Bei mir im Bezirk hängen neuerdings Zettel, auf denen steht »Kauft Öko-Papier« und »Rettet die Delfine! Passt auf, was ihr esst!!!« Die missfallen mir. Nicht, weil ich was gegen Delfine habe. Ich lasse mich nur sehr ungerne belehren. Und schon gar nicht von drei Ausrufezeichen. Ich gehe mir sofort drei Dosen Thunfisch kaufen. In einem möglichst großen, möglichst schlecht beleumundeten Supermarkt. Das tue ich, weil ich die Prenzlauerbergisierung Berlins ablehne.

Am 17. März 2012 wurden auf der Dortmunder Südtribüne beim Spiel gegen Bremen zwei schwulenfeindliche Transparente gezeigt. Am 18. März 2012 fand in der »Eisern Lounge« des 1. FC Union Berlin die Diskussionsrunde »Queerpass. Lesben und Schwule auf den Rängen und auf dem Platz« statt. Kurz vor deren Beginn entzündete sich auf Facebook eine heftige Diskussion, lautete doch der erste Kommentar dazu: »Kümmert euch um wichtigere Sachen als so ein Schwachsinn. Homosexuelle haben bei Union nichts zu suchen..Punkt…..« Da waren sie wieder, meine drei Dosen Thunfisch.

Kann man aus richtigen Gründen das Falsche tun?

Offensichtlich. Den Kurven in den Stadien waren Schwule und Lesben bis vor kurzem überwiegend gleichgültig. Nach außen wahrnehmbare Positionierungen wie die in Dortmund oder Berlin fallen aus dem Rahmen. Sie sind fraglos menschenverachtend. Sie sind Provokation, Reaktion auf geforderte Korrektheit, auf gefühlt »linke Politik«. Sie wenden sich allerdings auch gegen die Prenzlauerbergisierung der Stadien.

Fußballfans waren nie eine homogene Gruppe. Schon immer war das gesamte politische Spektrum unabhängig von Beruf und Bildungsgrad vertreten. Einigermaßen neu ist aber die intellektuelle Beschäftigung mit Fußball. Das hat das Image der gesamten Sportart verändert. Es ist neue Kundschaft dazugekommen, und nicht zu knapp. Nicht wenige davon gelten sogar als »reich«. Mittellose ostdeutsche Studenten im Prenzlauer Berg und echte Arbeiterkinder im Stadion an der Alten Försterei dürften auf ähnliche prozentuale Anteile kommen. Zugleich ist das Terrain für Revolutionen im Profifußballbereich auf die Größe eines Hartschalensitzes zusammengeschrumpft. Genau wie das für revolutionäre Kunst im Prenzlauer Berg.

Und was wäre das Richtige?

In der Berliner Gesprächsrunde am Sonntag saß auch Tanja Walther-Ahrens mit auf dem Podium. Die erzählte aus ihrem Schulalltag über den sorglosen Umgang Jugendlicher mit Redewendungen – an manchen Tagen sei sogar das Wetter schwul, erst recht der Mitschüler, den man nicht leiden kann. Fragt man genauer, heißt es meist: »Das hab ich ja gar nicht so gemeint. Ich wollte dem bloß sagen, dass er doof ist.« Ihre Reaktion darauf: »Dann sag das doch!«

Und wer nicht weiß, wie man Gentrifizierung schreibt, kann mich gerne fragen.

23. März 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Fische sind Freunde! Kein Futter! ;-)

    Im Kern stimme ich Dir aber zu. Homophobie nimmt in dieser Gesellschaft, die doch so aufgeklärt sein will und scheinbar auch schon mal war, leider wieder zu. Und das eben nicht nur in Neukölln oder Marzahn, sondern auch im Prenzlauer Berg. Auf den Rängen der Fussballclubs war man das noch nie Wirklichkeit. Warum auch, wenn die Vereine sich selbst jahrelang bedeckt hielten. Das aber hat sich vielerorts gewandelt und die Führung unseren 1.FC Wundervolls hat es schliesslich auch vollbracht im letzten Jahr auf dem CSD in Berlin dabei zu sein. Mehr davon und mehr Aufklärung bitte. Der gemeine Hetero denkt sicher noch immer, dass Lesben und Schwule im Tü-Tü auf den Rängen stehen. Das ginge, ja, Schliesslich haben (heterosexuelle) Fussballfans mit diversen Kostümierungen (ich denke da besonders an die lustigen roten Perrücken), ein gutes Vorbild geliefert…

  2. Sorry Stefi, ich verstehe Dich nicht?

    Was bedeutet das denn, wenn ich Deinen Pberg-Vergleich nach Dortmund übersetze? Du kaufst drei Dosen Thunfisch? Weswegen? Aus Trotz? Weil Du nicht daran erinnert werden möchtest, dass unsere Art zu leben (und ich lebe in Ottensen, weiß also über Prenzlbergisierung bescheid?) anderswo Leben kostet?

    Und was bedeutet das Bild hier? Dass wir alle so unterschiedlich sind, dass wir niemanden brauchen, der uns sagt, wie wir zu sein haben? Ich weiß nicht, aber ich verstehe Deinen Text als verschachtelten Beitrag zur Debatte, dass Fussball doch unpolitisch ist, und homophobe Texte schlicht Unanständig aber harmlos. So wie mal eben drei Dosen Thunfisch zu kaufen.

    Oder aber ich bin auf dem komplett falschen Dampfer, dann bitte ich um Nachsicht

  3. Mir fällt das jetzt etwas schwer zu deuten: Ist es übersensibel, wenn man darauf besteht immer das richtige Wort zu verwenden? Oder eben richtig?
    Und viel wichtiger: Sollte man – wie das ja viele ‘unpolitische’ (…) Gruppierungen meinen – auf eine Thematisierung (die immer etwas belehrendes hat) verzichten, um eine Polarisierung zu verhindern?

    Oder darf das jetzt der geneigte Leser selbst entscheiden ;)

  4. @ring2 ach, es ist viel einfacher: Man (ich meine: jedermann, und die Frauen auch) reagiert manchmal vollkommen bekloppt, irrational, falsch und kontraproduktiv auf Belehrung. Oder auf etwas, das man als “von oben” kommend empfindet. Das kann zu harmlosen Reaktionen führen, oder zu krassen Fehlleistungen – das weisste vorher nie so genau. Ich sehe außerdem einen qualitativen Unterschied zwischen Leuten, die “schwul” sagen, aber damit “Weichei” meinen, und solchen, die Leute wegen jedweder “Andersartigkeit” zusammentreten. Letztere sind meiner Meinung nach durch gar keine Ansprache zu erreichen. Aber bei einer großen Mehrheit ist es wirklich “nur” Unachtsamkeit, mangelndes Fingerspitzengefühl – nichts Grundböses. (PS. In Dortmund kaufste keinen Thunfisch – da kaufste ´n Schalke-Schal. Glaub ich.)

    @Chris Selber entscheiden ist König! Jeder muss wissen, ob und inwieweit er sich in so einer Diskussion aus´m Fenster hängt. Jeder muss seine eigenen Toleranzgrenzen prüfen und überlegen, was er hinnimmt, und was eben nicht. Es ist aber unschädlich, wenn man sich darüber im Klaren ist, wie das so auf andere wirkt, was man sagt.

    @Brabax Aufklärung ist das maßgebliche Stichwort, das denke ich auch. Es gibt eine wunderbare Geschichte von Max Goldt (Kann auch´n Comic sein, ich hab´s grad nicht parat), darin beschreibt er ein unspektakuläres, mittelaltes Paar – kein Lack, kein Leder, nix mit Peitschen, kein Tütü, kein überdurchschnittlicher Shampoo- und Parfümverbrauch – und die Leute wundern sich: Wat? Die sollen schwul sein? Sind doch ganz normale Leute?!

    • @steffi – in einem solchen Fall zitiere ich gerne Noah: “Ein Schrank tut auch weh, wenn er aus Versehen auf den Fuß fällt” – und das trotzige N-Kuss sagen, oder “die sollen sich nicht so aufregen”, tut es eben auch. Da verstehe ich hm – so habe ich es auch lernen müssen.

      Die Reaktion, die Du beschreibst, kenne ich nämlich gut. ;)

  5. Als ich mit meinem Sohn über »das ist doch schwul« sprach und ihm erklärte, wie zumindest ich das sehe, war er ebenso verdutzt wie das im Text erwähnte Schulkind. Ich mag, dass mein Sohn verdutzt war, ich mag auch das Staunen des Schulkindes.

    Mag sein, dass ich den Text falsch verstehe, vielleicht bin ich nicht in der Lage, den rhetorischen Wendungen zu folgen, aber – etwas Falsches zu tun, weil das Richtige spießig ist oder gefordert, das scheint mir zu pubertär um mir als Haltung zu gefallen. Muss es ja auch nicht, stimmt schon, aber ich möchte es dennoch sagen: Gefällt mir nicht.

    »Das Richtige« ist nicht selten langweilig, es schmeckt manchmal konservativ, die Forderungen nach dem Richtigen können penetrant werden – das Richtige kann nerven. Aber deswegen wird es nicht falsch.

    Und: Die Headline ist zum Kotzen finde ich doof.

  6. @AktionLibero (hm) Genau darum geht´s – es ist komplett doof, etwas Falsches zu tun, weil das Richtige spießig erscheint. Und trotzdem macht man´s manchmal. Das mit der Headline war Absicht ;)

  7. natürlich sind fische freund_innen und kein futter, aber delphine sind ja zum glück säugetiere ;)

    übertragen auf’s thema heisst das, dass sich die homophoben menschen auf facebook und in der alten försterei über etwas aufregen, was an sich schon unsinn ist, weil es einfach nicht der realität entspricht. wahrscheinlich hat es in der ganzen geschichte des 1. fc u kaum ein heimspiel ohne homosexuelle zuschauer_innen gegeben, auch wenn diese das nicht unbedingt öffentlich thematisiert haben, denn – oh wunder – den meisten schwulen oder lesben sieht mensch ihr schwul- bzw. lesbischsein überhaupt nicht an. wer das nicht wahrhaben will, lebt in einer traumwelt, in der alles immer schön einfach ist und alle so sind, wie mensch selbst. ich bin ne hete, also müssen alle um mich herum das auch sein. was für ein logik… und das bei einem verein, der sich selbst damit brüstet, anders zu sein als andere…

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