web analytics

Schwuler Holländer

Es gibt Leute, die der Meinung sind, ich sei nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Das mag von außen so scheinen und auch von innen betrachtet gelegentlich stimmen. Und doch wäre ich manchmal gerne deutlich ruhiger und souveräner. Souveräner in der Wortwahl, im Tonfall, im Gestus.

Kürzlich habe ich wieder einmal ein solche Situation erlebt. Ich war im Fußballstadion, es lief nicht so ideal, und unsere Anhänger hatten einen niederländischen Spieler des Gegners als bösen Buben ausgemacht. Also erinnerte man sich traditionellen Liedguts. Bereits vor Jahren, als in der Champions League Saison regelmäßig kurz vor Spielschluss der Einmarsch der Ordner, die gar nicht so sehr an Gladiatoren gemahnten, in ihren orangefarbenen Leibchen anstand, hatte der Gesang »Schwule, schwule Holländer« Einzug gehalten, vielleicht auch noch früher, ich weiß es nicht genau. Und nun war es wieder soweit.

Ich stand dabei, rang nach Souveränität, war halbherzig bemüht, an mich zu halten, doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Also hörte ich, natürlich just in jenem Moment, als alle anderen Pause machten, jemanden mit meiner Stimme rufen:

»Könnt Ihr auch mal lustig schimpfen?«

Mal lustig schimpfen? Hatte ich das tatsächlich gerade gesagt? Oder vielleicht auch »was Lustiges schimpfen«, so ganz genau weiß ich das nicht mehr, ich war ja, wie erwähnt, nicht mehr der Souverän meiner Worte und vielleicht auch meines Denkens. Aber »mal lustig schimpfen«? Geht’s noch? Irgendwie drang dann auch recht rasch zu meinem Gehirn vor, dass dieser Zwischenruf kein Ruhmesblatt gewesen war, und unter zunehmendem Verlust meiner, wie soll ich sagen, Nonchalance Zurechnungsfähigkeit, fuhr ich fort:

»Scheiß homophobes …«

An dieser Stelle, so glaube ich mich erinnern zu können, hätte eigentlich »Gebrüll« folgen sollen, doch irgendwie erschien mir das nicht mehr ausreichend, und ich entschied mich für

»… Pack!«

Oha. Da war sie also wieder, diese Situation, wenn man weiß, dass man die Kontrolle ein wenig verloren hat und gleichzeitig eben gerade nicht weiß, was wohl als Nächstes passiert. Und sich zudem, und das ist mir wichtig, seiner Wortwahl schämt.

Es war erstaunlich ruhig. Ein paar Leute lachten, vereinzelt meine ich ein zustimmendes Nicken vernommen zu haben, die Wenigsten drehten sich um (ich stand ganz hinten). Dennoch entstand ein heftiger Wortwechsel, und zwar mit einem von mir sehr geschätzten langjährigen Stadionnachbarn. Wir waren beide erregt und sagten weitere Dinge, die man nicht sagen sollte – ohne im engeren Sinne beleidigend zu werden, möchte ich dann doch betonen -, und natürlich ging es dabei auch um die Frage, wes Geistes Kind man wohl sei, wenn man andere Menschen in beleidigender Absicht als »schwul« bezeichnet – was meinen Gesprächspartner offensichtlich, und glaubwürdig, sehr kränkte. Oder eben: ob es über die Geisteshaltung gar nichts aussage.

Nach kurzer Zeit wandte jeder seinen Blick wieder auf das Spielfeld, wir schwiegen kurz, feuerten unsere Mannschaft an und ärgerten uns über das, was einen bei so einem Fußballspiel halt so ärgert. In der Pause sprachen wir darüber. Darüber, dass dieser Gesang nicht homophob gemeint sei. Und darüber, was wohl die, was weiß ich, 30? 40? 50? schwulen Fans in unserem Block davon gehalten haben mögen. Es war ein kurzes, aber gutes Gespräch.

Dass das Lied danach nicht mehr angestimmt wurde, will ich mir keineswegs ans Revers heften. Ich will auch nicht darauf hinaus, dass ich ein toller Typ sei, ganz gewiss nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ohne die intensive Beschäftigung mit der Thematik in den letzten Wochen vermutlich nur schweigend den Kopf geschüttelt hätte. Den unbedingten Drang, das nicht so einfach hinzunehmen, und wohl auch den Mut – ich traue mich ja nicht einmal, ein Lied anzustimmen – hätte ich wohl nicht gehabt.

Fühlt sich gut an, irgendwie, das gebe ich zu. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, dass es einfach nach wie vor Alltag ist. Unreflektierter Alltag. Im Vorfeld des Aktionstages der Aktion Libero hatte ich mit Leuten Kontakt gehabt, die sich in der hiesigen Fanszene besser auskennen als ich, und sie hatten mir glaubhaft versichert, dass dort eine hohe Sensibilität für das Thema vorhanden sei, und dass große Fangruppierungen darauf achteten, homophobe Schmähungen zu vermeiden. Glaubhaft übrigens nicht zuletzt deshalb, weil diese Aussage von potenziell Geschmähten kam.

Leider ist diese Sensibilisierung noch nicht überall angekommen. Und doch glaube ich nach wie vor, vielleicht mehr noch als zuvor, dass der richtige Weg eingeschlagen ist.

PS: Ich will keineswegs verschleiern, dass es um Fans des VfB Stuttgart im Spiel gegen den FC Bayern München ging. Allerdings halte ich diese Information in diesem Kontext nicht für sonderlich relevant, sondern – ohne es belegen zu können – für austauschbar.

12. Dezember 2011 von Aktion Libero (hk)
Kategorien: Allgemein | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. “Ein Klavier, das einem auf den Fuß fällt, tut ja auch weh, wenn es aus Versehen oder unbeabsichtigt passiert”, pflegt eine Freundin immer zu sagen, wenn das Argument kommt, das sei doch nicht rassistisch, sexistisch, homophob oder sonstwie diskriminierend gemeint.

    … als Ergänzung gemeint, zu Deinem guten Text.

  2. Muss ich mir merken. Und danke.

  3. Toller Artikel, herzlichen Dank. Ich kann mich nicht wirklich an einen Gesang bei uns in der Kurve erinnern, der ähnlich gelagert war… aber das Geschehen passt auch gut zu Einzelrufern in Bezug auf Homophobie und Rassismus – “in der Hitze des Gefechts” isklar

  4. Pingback: Lesesachen KW 49+50 | Patsch / Bella / Blog

  5. Pingback: Pussy, Nazis und Idioten | angedacht

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert