Geldstrafe für FCK-Stürmer Idrissou:
Von Homo-Gurken und männlichem Stolz
Ein Kommentar von Dirk Leibfried
Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat am Mittwochabend Mohamadou Idrissou vom Zweitbundesligisten 1. FC Kaiserslautern mit einer Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro belegt. Die Begründung aus der DFB-Zentrale in Frankfurt lässt Raum für Spekulationen: »Der Spieler hatte sich im Anschluss an das Zweitliga-Spiel beim FC Energie Cottbus am 29. April 2013 in einem TV-Interview unsportlich geäußert«, heißt es da. »Unsportlich geäußert«? Anders ausgedrückt: Ist Homophobie »unsportlich«?
Was an dem mittlerweile rechtskräftigen Urteil irritiert, ist weniger die ausgesprochene Strafe durch den DFB als vielmehr die schmallippige Begründung. Wieso wird das Kind nicht beim Namen genannt? Wieso erfährt der Fußballfan nicht, ob Idrissou wegen seiner homophoben Äußerungen oder aber wegen seiner Kritik an Schiedsrichter Wolfgang Stark bestraft wurde? Noch immer, so scheint es, wird beim DFB das Thema Schwulenfeindlichkeit tabuisiert, bestenfalls aber mit Glacé-Handschuhen angefasst.
Rückblende: Folgt man Idrissous Angaben, so habe ihm FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel des FCK bei Energie Cottbus bereits in der Anfangsphase mitgeteilt, dass ihm seine Körpersprache nicht gefalle. Diese Aussage nagte an Idrissou noch über den Schlusspfiff hinaus. Im Interview mit »Sky« ereiferte er sich deshalb: »Ich habe eine Männer-Körpersprache. Ich bin nicht schwul und werde auch nie schwul sein. Ich bin nicht der Einzige, der schlecht über diesen Schiri redet. Es ist mir egal, aber langsam reicht’s.«
Die Reaktionen folgten prompt. Als erster Sportverein überhaupt erhielt der 1. FC Kaiserslautern die »Homo-Gurke«, eine wenig schmeichelhafte Würdigung des schwul-lesbischen Internetportals queer.de. Begründung: Der Verein verharmlose homofeindliche Äußerungen seines Star-Stürmers Mohamadou Idrissou und konterkariere damit die Bemühungen gegen Homophobie im Fußball. Im Kommentar dazu heißt es, die klischeehafte Gleichsetzung von »schwul gleich unmännlich« werde von der FCK-Führung unreflektiert verteidigt. Die teils heftigen Reaktionen machen deutlich, wie unsensibel der Fußball noch immer mit dem Thema Homosexualität umgeht – und wie empfindlich die Szene auf Provokationen aus dem Epizentrum der archaischen Männlichkeit reagiert.
Denn statt parallel zu den Ermittlungen des DFB-Kontrollausschusses eine – wenn auch taktische – Entschuldigung des Spielers zu veröffentlichen, »verschlimmbesserte« die Pressestelle des Vereins die Situation durch eine mehr als naive Stellungnahme. »Der Fokus seiner Aussage liegt auf seiner persönlichen Männlichkeit und seiner Körpersprache als Ausdruck derselben«, schrieb der Verein auf seiner Homepage. Kein Bedauern, keine Entschuldigung. Im Gegenteil: Der Verein verwies darauf, die »potentiellen homophoben Aussagen« seien »in keinerlei Weise von Mohamadou Idrissou beabsichtigt gewesen«.
Doch es geht noch schlimmer. Um den DFB in der Beurteilung der Interview-Aussagen gnädig zu stimmen, schob der Verein zwei Tage später doch noch eine Entschuldigung seines Mittelstürmers nach, die viele Fans – ebenso wie ein anberaumtes Treffen mit dem schwul-lesbischen Fanclub »Queer Devils« – als »Demütigung« auffassten: »Ich bin ein stolzer afrikanischer Mann und ein stolzes männliches Auftreten ist Teil meiner Kultur. Durch den Hinweis des Schiedsrichters bezüglich meiner Körpersprache habe ich mich in meiner Männlichkeit angegriffen gefühlt. Meine Reaktion darauf war falsch und auch meinem kulturellen Hintergrund geschuldet. Das tut mir aufrichtig leid.«
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits im Internet alle Dämme gebrochen. Während sich die FCK-Fans mehrheitlich hinter ihren Stürmer stellten, echauffierte sich die Gay-Community reflexartig über die schwulenfeindlichen Aussagen des Fußballers aus Kamerun und die Ignoranz seiner Fans. Diese emotional aufgeladene Diskussion zeigt mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass der Fußball nach wie vor in einer Parallelwelt verhaftet ist. Ein offenes Klima, um beispielsweise das Coming-out eines Profifußballers zu ermöglichen, ist so auf absehbare Zeit ganz sicher nicht zu erreichen. Die Realität in den Stadien der Republik scheint noch immer im krassen Widerspruch zu den vermeintlichen Bestrebungen des DFB zu stehen, Homophobie im Fußball zu bekämpfen.
Zufall oder nicht: Ein bereits für Februar angekündigtes Strategiepapier des DFB, das Coming-outs von schwulen Sportlern erleichtern soll, verzögert sich weiter. Begründung von DFB-Diversityberater Marcus Urban: »Es ist eben ein hartes Brett, ein äußerst heikles Thema und immer noch eine der größten Schwächen des deutschen Fußballs.« Homosexuellenfeindlichkeit sei im Sport viel schwerer zu bekämpfen als in anderen Teilen der Gesellschaft, so Urban.
Der »Fall Idrissou« ist symptomatisch für einen Fußballverband, der im August 2007 nach einem hitzigen Wortgefecht den Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller mit einer Sperre von drei Spielen belegt hat. Er soll im Derby gegen Schalke den gegnerischen Stürmer Gerald Asamoah als »schwule Sau« beleidigt haben. Ursprünglich wurde Weidenfeller vorgeworfen, die Worte »schwarzes Schwein« benutzt zu haben. In diesem Fall wäre eine Verurteilung wegen rassistischer Äußerung erfolgt, Anklage erhoben und eine deutliche längere Sperre – im Gespräch waren sechs Wochen – ausgesprochen worden. Die »schwule Sau« schien dagegen nicht ganz so dramatisch. Schließlich verlangt der Fan nach echten Kerlen, nach Fußballern, die authentisch sind und männlich auftreten. Die Antwort auf die von Mohamadou Idrissou aufgeworfene Frage, wie die Körpersprache eines Schwulen denn nun tatsächlich ist, sind bis jetzt allerdings alle Beteiligten schuldig geblieben.
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Zum Autor: Dirk A. Leibfried (45) arbeitet als freier Journalist und Autor in Kaiserslautern. Er veröffentlichte im Herbst 2011 gemeinsam mit Andreas Erb das Buch Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball (erschienen im Werkstatt-Verlag).
Unter der Oberfläche
Hintergründe, Gesamtzusammenhänge, exakte und intensive Recherchen – der Berliner Journalist und Autor Ronny Blaschke interessiert sich nicht für die schnelle Nachricht. Seine Beiträge gehen in die Tiefe. Das Thema »Homosexualität im Fußball« wird seiner Meinung nach von Fans und vor allem Medien häufig viel zu oberflächlich behandelt.
Ronny Blaschke
Journalist und Autor
»Diese Oberflächlichkeit trägt zur Skandalisierung und gefühlten Schlüpfrigkeit von Homosexualität im Sport bei«, findet Ronny Blaschke. Wir freuen uns sehr, dass er die »Aktion Libero« mit seinem Statement unterstützt.
Eine Frage der Haltung

Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine
Ein Transparent trübte am Freitagabend bei so manchem Anhänger des 1. FC Union Berlin die Freude über den 3:1-Heimsieg gegen Sandhausen und die lang ersehnte Einweihung der neuen Haupttribüne. Ein Transparent mit der Aufschrift »Herthatreff am Knabenstrich – alte Liebe rostet nicht!«, das auf der Waldseite des Stadions an der Alten Försterei gezeigt wurde, begleitet von dem Schmähgesang »Eure Mütter steh’n am Bahnhof Zoo«.
Die Botschaft, initiiert von Union-Fans, richtete sich – wen wundert’s? – an den ungeliebten Nachbarn Hertha BSC. Zum Hintergrund: Am 11. Februar steigt das Zweitligaderby im Olympiastadion und Fangruppen beider Vereine haben sich etwas ausgedacht. Vor dem Spiel wollen sie sich im Westen der Stadt treffen – die Union-Fans am Breitscheidplatz, die Hertha-Anhänger ein paar Meter weiter am Bahnhof Zoo. Mit entsprechenden Flyern wiesen sie in den vergangenen Tagen darauf hin. Rivalität, Reviermarkierung, legitim und harmlos. Das Banner im Union-Block hingegen ging einen Schritt weiter. Durch die Verbindung zum »Knabenstrich« – einem so bezeichneten Bereich hinter dem Bahnhof Zoo, der zugleich eben geplanter Treffpunkt der Hertha-Fans ist – wurde auf herabwürdigende Weise ein Bezug zu Homosexualität hergestellt. Mit einfacheren Worten: Hertha-Fans = schwul = minderwertig. Hinzu kommt der angedeutete Zusammenhang zu Pädophilie.
Bei Twitter und Facebook wird seit Freitagabend über den Vorfall diskutiert, Fotos des Spruchbandes werden geteilt, der Tenor der Reaktionen ist nicht immer eindeutig. »Giftiger Konkurrenzkampf ja, verbale Entgleisungen nein«, sagen die meisten, doch unabhängig von den Vereinsfarben gibt es auch zahlreiche andere Stimmen: »Stellt euch mal nicht so an, das gehört doch dazu«, lautet deren Meinung. Es sollte aber eben nicht dazugehören. Der Text auf dem Banner war nicht Ausdruck einer gesunden Fanrivalität, sondern schlicht homophob.
Natürlich ging die Aktion wie in den meisten solcher Fälle nicht von der gesamten Fanszene aus, sondern von einer einzelnen Gruppe, doch ändert das nichts daran, dass Vorfälle wie dieser – solange sie unkommentiert bleiben – auf das Image des ganzen Vereins und seiner Fans zurückfallen. Umso wichtiger wäre es, dass sich die Klubführung der »Eisernen« klar zu den Geschehnissen äußert und damit eine unmissverständliche Haltung zeigt. Die Aktion als Fehltritt einiger weniger Fans zu entschuldigen und unter den Teppich zu kehren, wäre fahrlässig und kontraproduktiv im Kampf gegen Homophobie. Zudem müsste sich Union Berlin die Frage gefallen lassen, was die Gründe dafür sind, einem so deutlich diskriminierenden Vorfall im eigenen Stadion mit Ignoranz zu begegnen. Denn: Sich selbst stets als toleranter, sozial engagierter Klub mit engem Bezug zu seinen Fans zu positionieren und zugleich bei einem ganz konkreten Anlass wie dem aktuellen zu schweigen, das passt nicht zusammen.
»Aktion Libero« hat den 1. FC Union Berlin um eine Stellungnahme gebeten. Auch bei Facebook wurde der Verein verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht.
Update (4. Februar 2013): Union Berlin hat die »Aktion Libero« zu einem Gespräch eingeladen.
Versteigerung zugunsten der »Aktion Libero«
Hurra! Das Motiv, mit dem Harald Müller für die »Aktion Libero« an dem Corbis-Designwettbewerb »Ein Zeichen setzen« teilgenommen hat, ist prämiert worden: Es gehört zu den zehn Entwürfen, für die am meisten gevotet wurde – als Preis gab es dafür ein hochwertiges Grafiktablett Wacom Intuos5 Touch M, das wir nun zugunsten der »Aktion Libero« bei eBay versteigern.
Die Auktion läuft bis Mittwoch, 30. Januar, 13 Uhr, und hier könnt ihr mitbieten: www.ebay.de/itm/251216720451
Der Aufklärer
Marcus Urban ist das schwule Gesicht des deutschen Fußballs und seit Erscheinen seiner Biografie »Versteckspieler« ein Mann mit einer Mission. Das österreichische Fußballmagazin ballesterer porträtiert ihn in seiner aktuellen Ausgabe. Urban ging mit Autor Stefan Heissenberger kicken und sprach über seine Karriere nach der Karriere und darüber, wie es mit Homosexualität im Fußball weitergehen wird.

Marcus Urban ist ein gefragter Mann, er kommt gerade von einem Expertentreffen. Der Deutsche Fußball-Bund hatte aus aktuellem Anlass geladen. Im September war im Magazin Fluter ein Interview mit einem anonymen schwulen Spieler aus der deutschen Bundesliga erschienen, das kurzfristig hohe Wellen schlug. Es gab Zweifel an der Echtheit, Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich, und manchem Funktionär wurde vielleicht bewusst, wie wenig die Fußballstrukturen auf das Outing eines schwulen Kickers vorbereitet sind: Was sagen? Wie unterstützen? Urban stellt sich diese Fragen schon länger.
»Versteckspieler«
In dem 2008 erschienenen Buch »Versteckspieler« erzählt der Journalist Ronny Blaschke die Fußball- und Lebensgeschichte eines schwulen Fußballers. Es ist jene des heute 41-jährigen Marcus Urban aus Weimar, eines DDR-Nachwuchsteamspielers mit einer schwierigen Kindheit, mit Ängsten, Depressionen und der Hoffnung, es im Fußball bis nach oben zu schaffen. Urban war auf dem Sprung in das Profiteam von Rot-Weiß Erfurt, aber Selbsthass und die Verleugnung seiner sexuellen Orientierung zehrten an seinen Kräfte. Ein offener Umgang mit Homosexualität erschien ihm zwischen Kabinengesprächen und Schwulenwitzen im Männerfußball undenkbar. Seine Leistungen am Platz wurden schlechter, eine Knieverletzung gab ihm den Rest: Mit 23 Jahren beendete Urban seine Karriere, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Als die ehemaligen Mitspieler durch das Buch und die öffentlichen Auftritte von seiner Homosexualität erfahren, sind die Reaktionen fast durchwegs positiv.
Alleinstellungsmerkmal schwul
Beim Gespräch in einem Berliner Café bestellt Marcus Urban einen Pfefferminztee. Kaffee habe er bei der Sitzung heute schon genug getrunken. Durch das Interview im Fluter werde er mit Medienanfragen derzeit regelrecht bombardiert, sagt er. Adrian Bechtold, den Journalisten, der das Interview geführt hat, habe er beraten. Urban hat, anders als 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster, auch keine Zweifel an der Echtheit des Interviews. Es werde bald schon zu einem Coming-out in der deutschen Bundesliga kommen, sagt er wie jemand, der etwas weiß, was andere nicht wissen.
Betrachtet man Urban als Unternehmer seiner selbst, hat er das, was im Marketing als »Unique Selling Proposition« bezeichnet wird: ein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der einzige schwule Fußballer im deutschsprachigen Raum, der einer breiteren Öffentlichkeit als solcher bekannt ist. Wann immer das Thema für Medien oder Funktionäre interessant ist – und das ist es immer öfter –, wird er angefragt. Mittlerweile könne er diese öffentliche Rolle annehmen, sagt Urban. Und auch gut davon leben.
Mission als Profession
Nach dem Erscheinen von »Versteckspieler« wandten sich Fußballer, Leichtathleten, Boxer und Physiotherapeuten, zumeist Männer, mit ähnlichen Problemen an ihn. Irgendwann, so Urban, sei daraus eine Mission geworden. Er begann eine Ausbildung zum Coach und gibt seit 2010 seine Expertise professionell weiter. Neben der Tätigkeit als Personal Coach berät er Unternehmen im Diversity Management – um Diskriminierungen zu verhindern und soziale Vielfalt für die Firmen nutzbar zu machen. Zudem hält er Seminare und Vorträge und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. 90 Minuten Coaching kosten 150 Euro, je nach Aufwand sind 500 bis 1.200 Euro für ein Konzept und 1.500 Euro für ein Tagesseminar veranschlagt. Das seien marktübliche Preise, sagt Urban. Seine finanzielle Situation habe sich durch die Selbstständigkeit verbessert. Das sei aber nur ein Nebeneffekt, betont er. Geld sei ihm nicht so wichtig. »Hilfsbereitschaft, Empathie und Zusammenhalt sind das A und O in meinem Leben. Wenn ich jemandem helfen kann, erfüllt mich das mit einem inneren Leuchten«, sagt Urban. In seiner Sprache schimmert die Beschäftigung mit dem Buddhismus immer wieder durch.
Fair und fordernd am Platz
Wir fahren zum Training des schwulen Hobbyfußballvereins SSL Vorspiel Berlin. Urban hatte den Obmann des Vereins per E-Mail angefragt, ob er mittrainieren könne, da er gerade in der Stadt sei. »Hi, ich bin Marcus«, begrüßt er die Spieler in der Kabine. Einige kennen ihn aus den Medien. Man merkt ihm die Vorfreude auf das Spiel an. Das Training beginnt. Urban fügt sich spielerisch und sozial gut ein. Ein Spieler fragt den Obmann, wer der Neue sei. »Ah, gegen den habe ich schon einmal bei einem Turnier gespielt. Der ist ein Verrückter auf dem Platz«, sagt er. »Er kann sich und sein Thema gut in der Öffentlichkeit verkaufen, aber so wird das jetzt endlich auch diskutiert.« Im zweiten Teil des Trainings machen wir ein Match. Urban kommt immer besser in Fahrt. Er fordert Bälle, schlägt ein paar Haken, gibt den Ball im richtigen Moment ab, spielt fair und gut.
Nach dem Training fahren einige Spieler noch in das Stammlokal des Vereins. Urban kommt auch mit. Er wird nach seiner Arbeit und seiner Fußballvergangenheit bei Rot-Weiß Erfurt gefragt. Offen und auch ein wenig stolz erzählt er davon. Nach etwa einer Stunde machen Urban, ich und ein Fußballer von Vorspiel uns auf den Heimweg. Letzterer erzählt von sich, von seiner Vergangenheit, seinem Outing und seiner heutigen Situation. Leicht ironisch schlägt Urban vor, ihm als Coach bei dem einen oder anderen Problem weiterzuhelfen. »Nee, nee, such dir da mal ein anderes Opfer«, bekommt er als Antwort. In Urbans Augen blitzen kurz Verwunderung und Ärger auf. Dann lacht er laut. Bei der Verabschiedung schlägt er einen weiteren Interviewtermin vor.

Ein Kreis schließt sich
Wir treffen uns am nächsten Tag bei sonnigem Wetter in einem Café in Schöneberg, einer bei Lesben und Schwulen beliebten Gegend in Berlin. Sein Partner, mit dem er zusammen in Hamburg lebt, hat hier eine Wohnung. Urban ist gut aufgelegt, strahlt ein wenig. Er erzählt von einem Schiedsrichter, der sich vor Kurzem in einer Kleinstadt in Brandenburg geoutet hat. Lange hatten sie diesen Schritt gemeinsam vorbereitet. Als sich der Schiedsrichter vor seinen Kollegen outete, bekam er Applaus. Sie gratulierten ihm zu seinem Mut. Das seien die Erfolgserlebnisse, für die er arbeite, sagt Urban.
»Das Versteckspiel kostet die Menschen so viel Energie. Wenn wir es nur schaffen würden, unsere Gesellschaft toleranter zu machen. Was da alles zusammenhängt. So könnte etwa Landflucht und Ärztemangel im ländlichen Raum entgegengewirkt werden, wenn sich Schwule und Lesben auch außerhalb von Städten wohler fühlen würden.« Marcus Urban will diese Entwicklung vorantreiben. Er sieht sich dabei als Aufklärer. Er ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein, einer, der in großen Maßstäben denkt.
Trotz positiver Beispiele gebe es nach wie vor Homophobie im Fußball. Er erzählt von einem Spieler, dessen Mannschaftskollegen vermuteten, dass er schwul sei. Er outete sich schließlich und wird seitdem gemobbt. Urban steht ihm beratend zur Seite. In diversen Gremien und Arbeitsgruppen arbeitet Urban an Strukturveränderungen mit: Fußball soll vielfältiger, die Vereine offener für Schwule und Lesben werden. Nebenbei arbeitet er an einem Buchprojekt zu dem Thema. Privat spielt er in einem schwulen Hamburger Hobbyteam. Dass er seine Karriere aufgegeben hat, bereut Urban. Das Kicken sei sein Ein und Alles gewesen. Damals aber habe es schlicht keine Alternative gegeben. Durch seine heutigen Aktivitäten im Fußball schließt sich ein Kreis.
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Zum Autor: Stefan Heissenberger, 30, ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er forscht über Männlichkeit, Homosexualität und Rituale im Fußball.
Der Beitrag erschien ursprünglich in der aktuellen Printausgabe (Nr. 78, Titelthema Alex Ferguson) des österreichischen Fußballmagazins ballesterer.
Design für einen guten Zweck
Bei ihrem Wettbewerb »Ein Zeichen setzen« hat die Bildagentur Corbis dazu aufgerufen, mit vorgegebenem Bildmaterial ein Werbeplakat für einen guten Zweck zu designen. Harald Müller hat einen Entwurf für die »Aktion Libero« beigesteuert, für den ihr bis zum 7. Dezember 2012 auf der Website des Wettbewerbs voten könnt.
»Das Motiv greift einen leider üblichen Ausdruck auf und setzt ihn in einen Zusammenhang, der seine innere Absurdität sofort auch für jene begreifbar macht, die ansonsten eher unreflektiert leben.«
Die zehn Beiträge mit den meisten Stimmen werden prämiert, eine Jury bestimmt darüber hinaus einen Hauptgewinner, der sich unter anderem über ein Preisgeld von 1.000 Euro zugunsten der guten Sache freuen darf.
Wer für den Vorschlag der »Aktion Libero« abstimmen und damit unsere Initiative unterstützen möchte, muss sich zuvor (kostenfrei) bei Corbis registrieren. So ist ein faires Voting gewährleistet.
Hier geht es direkt zum Entwurf »Schwule Sau« von Harald Müller.
Interview bei FluxFM
Bereits an unserem Aktionstag im November 2011 hatte uns der Berliner Radiosender FluxFM ins Studio eingeladen, um die »Aktion Libero« etwas näher vorzustellen. Am Freitag, genau ein Jahr danach, sprach FluxFM-Moderator Sven-Ole Knuth in der Sendung Runde Stunde mit Alex Feuerherdt über unsere Podiumsdiskussion in Köln und das dort behandelte Thema »Die Rolle der Medien«.
Download der MP3-Datei (6:35 Minuten, 6,1 MB)
Ein Jahr (Es geht voran)
Vor einem Jahr war ich nicht sonderlich entspannt. Wir hatten gerade die Katze aus dem Sack gelassen, die den geneigten Leserinnen und Lesern vermittelte, was es mit der »Aktion Libero« auf sich hat. Nachdem wir zuvor nicht gänzlich talentfrei erfolglos die Social-Media-Klaviatur gespielt und eine gewisse Erwartungshaltung geschürt hatten. Will sagen: Ein wenig Unmut hatte sich breitgemacht, erste Erinnerungen an das vor einigen Jahren nervende Fragezeichen auf der Dortmunder Brust waren laut geworden.
Vielleicht darf ich mich an dieser Stelle kurz selbst zitieren:
»Wie jetzt, das war’s? Dafür machen die so einen Aufstand? Twittern wochenlang geheimnisumwoben, tun so, als wollten sie das Rad neu erfinden, oder erwecken zumindest den Eindruck, als hätten sie irgendwas Bahnbrechendes entwickelt [...]. Und dann lüften sie den Schleier, nicht ohne in den Tagen zuvor nochmal so richtig penetrant die Werbetrommel gerührt zu haben, und heraus kommt – was? Ein Statement gegen Homophobie im Fußball? Eine Selbstverständlichkeit also, in der fünfzigsten Auflage? Mannmannmann, die müssen Zeit haben! Ist das wirklich alles? Dafür der ganze Aufwand?«
So stand es am 16. November 2011, als die »Aktion Libero« aus dem Kleiderschrank trat, drüben in meinem Blog, und es war kein bisschen übertrieben. Ich hatte tatsächlich die Sorge, wir hätten überzogen, hätten viel zu hohe Erwartungen geschürt, die wir niemals zu erfüllen in der Lage wären.
Umso überraschter war ich, waren vielleicht wir alle, von der überwältigenden Reaktion in Blogs, bei Twitter und Facebook, zum Teil gar in den klassischen Medien. Selten war ich Teil einer Initiative gewesen, die so viel öffentlichen Zuspruch erfuhr, selten hatte ich aber auch dieses ausgeprägte Gefühl gehabt – nun noch wesentlich stärker als während der vorangegangenen Geheimniskrämerei –, von derart hohen Erwartungen begleitet zu werden.
Dabei wussten wir alle, dass wir die Welt nicht auf einen Schlag verändern würden. Vermutlich würden wir sie gar nicht verändern. War auch nicht unser Anspruch. Wir wollten schlichtweg unserer Haltung zu Homophobie (nicht nur) im Fußball Ausdruck verleihen, wollten dem einen oder der anderen nicht einmal eine Plattform, sondern vielmehr einen Anlass bieten, sich klar zu äußern, sich gegen schwulen- und lesbenfeindliche Parolen ebenso wie gegen die latente, unterschwellige, »kleine« Homophobie zu positionieren, wie wir sie alle immer wieder im Umfeld des Fußballs erleben.
Aus meiner Sicht hat das ganz gut geklappt. Natürlich gab es Anlass zu Kritik. Am Logo. Am Aktionstext. An der Kommunikation im Vorfeld. An der Heimlichtuerei oder daran, dass nur einige Eingeweihte von Anfang an dabei sein konnten. An den prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern. Manche Kritikpunkte hatten wir erwartet, andere nicht, einiges hielten wir für völlig berechtigt, anderes etwas weniger. Die Diskussionen, die darüber geführt wurden, waren – so ist es halt, dieses Internet – nicht immer leicht zu bündeln, zu den Punkten, die uns erreichten, nahmen wir zumeist Stellung, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. Manches würden wir heute anders machen, einiges bestimmt auch besser, und doch: Es war gut, wie es war. Finde ich.
Ich hatte von hohen Erwartungen gesprochen. Zumindest hatte ich sie so wahrgenommen. Hohe Erwartungen dahingehend, was diese »Aktion Libero«, die von so vielen Leuten begrüßt, zum Teil auch bejubelt worden war, nach ihrem durchaus bemerkenswerten Aktionstag denn noch so in petto habe. Hatte sie gar nicht. Sie hatte eine Idee, wofür sie sich einsetzen wollte, hatte ein paar engagierte Initiatoren, allen voran Harald, die ein gesellschaftliches Problem nicht unkommentiert lassen wollten, hatte ein paar vage Ideen für weitere Aktivitäten. Kampagnenfähig im engeren Sinne war sie nicht. Wie sollte sie, mit einem Team, das aus einer Handvoll Haupt- und ebenso vielen Nebenaktivisten bestand?
Es kam hinzu, dass die Vorbereitung der Auftaktveranstaltung recht aufwändig gewesen war und die Kräfte der Organisatoren stark in Anspruch genommen hatte. Zwar fielen sie danach keineswegs in das viel zitierte Loch – zu groß war der zusätzliche Antrieb gewesen, den der Aktionstag geschaffen hatte; dennoch war eine Verringerung der Drehzahl unumgänglich, aus beruflichen, familiären, gesundheitlichen oder sonstigen Gründen jeder und jedes Einzelnen.
Umso bemerkenswerter war die Reaktion derer, die ich zusammenfassend als Sympathisanten bezeichnen möchte. Die die »Aktion Libero« bei zahlreichen Gelegenheiten nannten und ins Spiel brachten. Die Interviewanfragen an uns herantrugen, Gespräche und Diskussionsrunden vermittelten. Die Querverbindungen herstellten, Kontakte zu anderen Organisationen, Aktionsgemeinschaften oder sonstwie organisierten Gruppen mit ähnlichem Themenfokus vermittelten und mit aufbauten. Die uns verlässlich und in schöner Regelmäßigkeit auf jeden relevanten Text, jede Fernsehsendung, jede anstehende Aktion, jedes besonders gute oder besonders schlechte Interview zur Homophobie im Fußball aufmerksam machten, per Facebook, mit einem kurzen Tweet, per Mail, you name it.
Wir fühlten uns gewiss nicht als Speerspitze, so anmaßend sind wir nicht, aber doch als integraler Bestandteil einer großen Gruppe von Menschen, die zu einem bestimmten Thema ähnlich denken, und fühlten uns geschmeichelt, dass uns die eine oder der andere eine bündelnde Wirkung zuschrieb. Die wir im Rahmen unserer Möglichkeiten gerne wahrnehmen.
Dass diese Möglichkeiten beschränkt sind, deutete ich bereits an. Wenn wir ganz ehrlich sind, und dabei deute ich mit dem Finger zuallererst auf mich selbst, wird die Aktion in ganz besonderem Maß von Stefanie getragen, die sich in bemerkenswerter Weise um all das kümmert, was man wohl »Tagesgeschäft« nennen könnte – was man schon wieder negativ interpretieren mag, damit aber völlig falsch läge. Sie kommuniziert, konzipiert, verhandelt, kurz: Sie ist dafür verantwortlich, dass wir in den letzten Monaten einige schöne und zielführende Aktivitäten durchführen konnten, unter denen die Teilnahme am Come-Together-Cup in Köln herausstach – der spendenfinanzierte (Danke!) Auftritt der »Aktion Libero« wusste zu gefallen, inklusive Merchandising:

Merchandising? Klingt irgendwie falsch, ne? Nach viel Geld, Profit, Kommerz, Ausverkauf. Stimmt natürlich alles nicht. Niemand verdient hier Geld. Niemand will Geld verdienen. Der Liberoladen soll lediglich helfen, so steht’s auch dort geschrieben, »den Gedanken der ›Aktion Libero‹ vom Internet auch ›nach draußen‹ zu transportieren«.
Womit wir bei einer Kernfrage angelangt wären: Was hat denn die »Aktion Libero« bisher bewirkt? Und wie wollen wir das überhaupt messen?
Tja. Wir wissen es nicht. Sicher, wir bekommen immer wieder positive Rückmeldungen, aber stammen die nicht in erster Linie aus jenem Chor, dem wir nicht mehr zu predigen brauchen? Oder anders: »Toll, dass Ihr das laut sagt!« oder Ähnliches habe ich immer wieder mal gehört; eher selten hört man sinngemäß dies: »Mensch, ich hab mir das jetzt mal überlegt. Ihr habt ja recht, ich finde schwule Fußballer eigentlich doch nicht schlimm.« Wäre auch utopisch, Leute mit tief verankerten homophoben Gedanken mit ein paar Buttons und sorgfältig formulierten Worten mir nichts, dir nichts zu einem grundsätzlichen Kurswechsel zu bewegen.
Was indes gelingen kann und auch gelingt: Menschen stärker zu sensibilisieren. Ihnen vor Augen zu führen, was sie da eigentlich für einen furchtbaren Unsinn von sich geben, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Ihnen zu verdeutlichen, dass Sie mit homophoben Gesängen eine ganze Reihe derer ganz persönlich treffen, die mit ihnen im Block stehen und eben noch mit ihnen die eigene Mannschaft angefeuert haben, dass sie sie beleidigen, ausgrenzen, ihnen die Freude am Fußball, am Stadionerlebnis vermiesen.
Auch mich selbst hat das Ganze sensibilisiert. Dahingehend, dass ich die Augen nicht mehr verschließe, oder zumindest seltener, dass ich homophobes Gerede aktiv kritisiere, bei »lustigen« Sprüchen nicht mehr schweigend die Augen verdrehe, sondern auch sage, dass ich sie zum Kotzen finde. Nicht immer – man kann nicht jeden Strauß ausfechten –, aber häufig genug.
Und ich glaube, es geht vielen so. Ich glaube, dass ein Bewusstseinswandel im Gange ist. Der in ganz bescheidenem Ausmaß mit der »Aktion Libero« zu tun hat, und zudem mit so vielen guten Initiativen da draußen, mit so vielen Menschen, die sich gegen Homophobie in der Gesellschaft im Allgemeinen oder beim Fußball im Speziellen engagieren. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir mittlerweile so viel und so häufig über Homophobie im Fußball lesen, hören, diskutieren, so viel und so häufig, dass es manche(r) vielleicht nicht mehr lesen, nicht mehr hören, nicht mehr darüber diskutieren mag.
In der Tat treibt das Thema Blüten, die man mitunter als seltsam empfinden mag, und meist hat es mit dem vielerorts aus den unterschiedlichsten – nicht nur ehrbaren – Gründen ersehnten Coming-out eines homosexuellen Bundesligaspielers zu tun, gerne eines Nationalspielers – »Deutschland sucht den schwulen Kicker«, wie Ronny Blaschke so treffend formulierte.
Man nimmt zur Kenntnis, dass jemand einerseits behauptet, es gebe keine schwulen Bundesligaspieler, und andererseits wenige Wochen später »ein homosexuelles Outing prominenter Bundesligaspieler« fordert, man hört wöchentlich neue Empfehlungen pro oder contra Coming-out, man liest ein Interview mit einem angeblich schwulen anonymen Bundesligaprofi, das zu mancherlei Zweifel Anlass gibt, und man fragt sich angesichts der entstehenden Diskussion, ob man sich nicht doch massiv getäuscht hat in seiner Wahrnehmung des Fortschritts hin zu einem Umfeld, in dem Homosexualität und Fußball genauso gut oder schlecht zusammen passen wie Heterosexualität und Fußball. Wie meinen? Letztere Frage stelle sich gar nicht? Eben.
Eine der zahlreichen Fragen, die sich indes stellen, ist jene nach der Rolle der Medien und Blogs im – offensichtlich verbesserungswürdigen – Zusammenspiel von Fußball und Homosexualität. Die »Aktion Libero« nimmt sich dieses Themas anlässlich ihres einjährigen Bestehens an. Einen Tag nach ihrem Geburtstag, am 17. November in Köln, in Form eines Diskussionsabends. Kurzentschlossene sind herzlich willkommen:
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Wir lösen den Blick vom Thema Coming-out bzw. Outing, schauen uns stattdessen den aktuellen Umgang der Medien und Blogs mit Homosexualität im Fußball an und sprechen darüber mit:
Ronny Blaschke, Journalist und Autor. In seinem Buch Versteckspieler erzählte er die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban.
Andreas Stiene, Gründer und Organisator des Come-Together-Cups in Köln, Mitgründer des schwul-lesbischen FC-Fanclubs »Andersrum Rut-Wiess«.
Jan F. Orth, Präsidiumsmitglied und Pressesprecher des Fußballverbands Mittelrhein (FVM), Beisitzer des DFB-Bundesgerichts.
Dirk Leibfried, Journalist und Autor. Gemeinsam mit Andreas Erb schrieb er das Buch Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball.
Die Gesprächsleitung übernimmt Alex Feuerherdt, freier Publizist, Blogger und Mitinitiator der »Aktion Libero«.
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Und zwischendurch liest man die Geschichte jenes schwulen Amateurschiedsrichters, der seine Homosexualität nach vielen Jahren in einem wohlüberlegten und begleiteten Prozess öffentlich gemacht hat, und glaubt fest daran, dass alles gut wird.
Grenzenlos
Wieso gibt es überhaupt schwule Fanclubs? Ist das nicht auch eine Form der Ausgrenzung, eine Art Abgrenzung gegenüber den anderen, »normalen«, heterosexuellen Fans und Fanclubs? Wieso kann man nicht auch als Schwuler einem Fanclub beitreten, der nicht unter dem Label »schwul-lesbisch« auftritt?
Diese Fragen kamen diese Woche im Blogspot von Sportradio 360 auf, der wöchentlichen Bloggertalkshow, zu der mich Moderator Patrick Völkner netterweise eingeladen hatte, um mit ihm und weiteren Gästen ein wenig über die »Aktion Libero« und Homosexualität im Fußball zu plaudern. Während der Sendung fiel es mir schwer, adäquat und mit der nötigen Klarheit auf Äußerungen wie die oben aufgelisteten einzugehen. Skype, das ausgeliehene Headset, der quietschende Stuhl, nebenan die Katze, die ich in Erwartung abendlicher Katzencraziness vorübergehend im Schlafzimmer eingesperrt habe – das war alles ungewohnt für mich und ein bisschen aufregend (und auch ein wenig amüsant), ihr wisst ja, wie das ist: das Kurzatmige, die schwitzigen Hände, das klopfende Herz, die verlorenen Fäden. Plötzlich denke ich an Milchreis und dass das Bild schief hängt und: Verdammt, hoffentlich klingelt nicht ausgerechnet jetzt das Telefon! Mimimimiau.
Weil es mir in der Sendung nicht so gut gelungen ist, möchte ich also jetzt, mit ein wenig Abstand, etwas ausführlicher auf die Fragen da oben eingehen. Das ist mir wichtig. Also bitte schön:
Es gibt Fanclubs, weil es Fans gibt.
Es gibt schwule Fanclubs, weil es schwule Fans gibt.
Es gibt Fanclubs mit Leuten, die sich aufgrund einer bestimmten Gemeinsamkeit zusammengefunden haben. Nicht nur, dass sie denselben Verein lieben – nein, sie sind auch noch alle begeisterte Hobbyangler. Wow. Oder wohnen in derselben Straße. Oder hören dieselbe Musik. Yeah. Dieser gemeinsame Nenner verbindet, es macht Spaß, sich mit Menschen zu umgeben, mit denen man etwas gemeinsam hat. Jeder macht das so. Es gibt Yogagruppen, weil es Leute gibt, die gerne Yoga machen. Diese Yogaleute würden nur ungern in einen Pilateskurs gehen, weil das eben nicht so ganz dasselbe ist. Was nicht heißt, dass sie Pilates und sämtliche Pilatesfans hassen und meiden. Aber es ist nicht dasselbe. Logisch, oder? Und voll okay. Niemand käme auf den Gedanken, die Frage zu stellen, ob sich die Yogamenschen nicht in unangenehmer Weise von anderen abgrenzen. Und ob das denn wirklich nötig ist, dass sie jetzt auch noch ihre eigenen Yogagruppen gründen.
Nun ist natürlich sonnenklar, dass Homosexualität kein Hobby ist, das man sich aussucht, weil es einem gerade Spaß macht und körperlich und seelisch guttut, aber das ist, mit Verlaub, auch schon der einzige wesentliche Unterschied zu Yoga.
Ein Schwuler geht in einen schwulen Fanclub, weil er sich dort wohlfühlt. Er hat über die Fußballleidenschaft hinaus etwas gemeinsam mit den anderen Fans, etwas, wofür er sich heutzutage in anderem Kontext immer noch häufig rechtfertigen muss, wofür er womöglich angefeindet wird und das er manchmal nicht öffentlich leben kann. Hinzu kommen natürlich ganz individuelle Beweggründe. Der eine hat schlechte Erfahrungen gemacht mit nicht schwulen Fanclubs. Der andere traut sich aus verschiedenen Gründen noch nicht an die Öffentlichkeit mit seiner sexuellen Orientierung und findet im schwulen Fanclub eine Atmosphäre vor, in der er sich um diesen Punkt keine Gedanken machen muss. Es fragt ihn niemand, es guckt auch keiner doof. Der Nächste findet es gut, zu demonstrieren, dass auch Schwule einen festen Platz im Fußball haben, und hängt vor jedem Spiel das Banner des Fanclubs im Block auf, um ein Zeichen zu setzen. Einem anderen sind Zeichen völlig schnuppe, aber seinen Freund, den findet er wichtiger als alles andere und genießt jeden einzelnen Stadionbesuch mit ihm. Bei jedem dieser Fans hat sich das irgendwann so ergeben. Manche haben gezielt nach ihrem Fanclub gesucht, andere sind da so reingerutscht. Das ist auch bei nicht schwulen Fangruppierungen so, und bei Yogakursen.
Jeder Mensch hat das Recht und die Freiheit, jedem Fanclub (Angelverein, Yogakurs …) beitreten zu wollen und sich ein zu ihm passendes Label auf die Stirn zu kleben – königsblau, schwarz-gelb, liberogrün oder regenbogenbunt. Es gibt Milliarden davon. Wer also danach fragt, ob die Existenz eines schwulen Fanclubs nicht ein Zeichen bewusster Abgrenzung sei, setzt erst durch diese Art der Fragestellung selbst eine Grenze, wo zuvor keine war.
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Das Gespräch bei Sportradio 360 zum Nachhören:
Download der MP3-Datei (23:18 Minuten, 8 MB)
Runter von der großen Bühne
ein Text von Stefanie Fiebrig, textilvergehen.de
Es ist die am häufigsten gestellte Frage, wenn es um Fußball und Homosexualität geht. Wer? Wer ist der Nationalspieler, Bundesligaspieler, Fußballstar, der sich als erster outet? Warum sie zugleich die falscheste aller Fragen ist, hat die Fachtagung »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« des Berliner Fußballverbandes am vergangenen Freitag deutlich gemacht. Im Workshop 3 saßen und diskutierten überwiegend Frauen und Männer, die Fußball spielen, Mannschaften trainieren, Spiele leiten und Fanclubs oder Interessenvertretungen von Fußballfans angehören. Ihr Thema: »Was hinter den vier Wänden zu Hause passiert, ist mir doch egal, Hauptsache auf dem Platz wird Leistung gebracht!«
Ein Ablenkungsmanöver
»Es gibt Kollegen, die seit 30 Jahren Spiele pfeifen und es normal finden, dass mich der Trainer einer Mannschaft als Scheiß-Lesbe bezeichnet«, erzählt eine Schiedsrichterin, die im Männer- und im Frauenbereich tätig ist. Ihr Handlungsspielraum ist begrenzt, sagt sie. Klar, sie kann den betreffenden Trainer für den Rest des Spiels auf die Tribüne schicken – soweit der Platz über dergleichen verfügt. Das Problem wird dadurch nicht gelöst. »Nächste Woche steht er wieder da, und natürlich trainiert er weiterhin seine Mannschaft.« Die Schwierigkeiten, die sie beschreibt, sind kein Problem des Premiumproduktes Bundesliga. Es ist der Alltag der Amateurspielklassen, es ist der Breitensport Fußball. Dazu gehört auch, dass ihre Bezahlung höher ausfällt, wenn sie ein Spiel der Männer pfeift, obwohl sie bei einem Spiel der Frauen und Mädchen genau die gleiche Arbeit macht.
Wer nun also nach dem ersten prominenten Fußballspieler fragt, lenkt davon ab, wo die Arbeit – auch die journalistische – eigentlich ansetzen müsste. An der Basis, in den unteren Spielklassen. Dort, wo heute Trainer und Schiedsrichter ausgebildet werden. In den Vereinen. In der Kreisliga.

Auf die Basisarbeit kommt es an. | Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine
Die Gesellschaft ist nicht tolerant
Gleich zu Beginn der Veranstaltung hat die Autorin Almut Sülzle einige Thesen zur Diskussion gestellt. Eine davon lautete: »Unsere Gesellschaft (außer im Fußball) ist nicht mehr homophob.« Stimmt gar nicht, meint Almut Sülzle. Man schiebe das Problem nur dem Fußball zu.
Antidiskriminierungsarbeit ist in der Tat kein explizites Fußballthema. Zivilcourage ist in Fußballstadien genauso gefragt wie an allen anderen Orten auch. Am und auf dem Fußballplatz stehen nicht die Bewohner eines Paralleluniversums, sondern die gleichen, die man beim Bäcker, beim Friseur, im Büro oder in der Schule trifft. Ganz normale Menschen.
Christian Rudolph gehört dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg an, dessen Hauptaufgaben Beratung und gesellschaftliche Aufklärung sind. Seine Grunderfahrung: verschlossene Türen. Die meisten Menschen wollen mit dem Thema Homosexualität nicht behelligt werden.
Einer, der sich outet
»Brauchen wir den einen, der sich outet, für die inhaltliche Arbeit?«, fragt eine angehende Trainerin in die Runde. Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Nein, weil Aufklärung andere Mittel kennt. Ja, weil ein Vorbild helfen kann. Nein, weil einer alleine das nicht aushalten kann. Nein, weil eine Sensationsmeldung kein Umdenken bewirkt.
Was stattdessen sinnvoll sein kann, erklärt Robert Claus, Mediateam Türkiyemspor. Symbolische Aktionen sind wichtig, sagt er – obwohl gerade sein Verein für die Mitarbeit am Sport- und Kulturprogramm Respect Gaymes 2008 viel Kritik geerntet hat. Teilweise haben Mitglieder den Verein dafür verlassen. Das gilt es auszuhalten. Niedrigschwellige Bildungsangebote, speziell im Jugendbereich, seien ebenfalls ein sinnvolles Mittel. Auszeichnungen wie die Berliner Tulpe setzen Anreize. Kooperationen und Netzwerke. Dokumentation und Thematisierung diskriminierender Vorfälle.
Robert Claus weist allerdings auch darauf hin, dass Aktionen gegen Homophobie wenig Sinn ergeben, wenn Vereine gar nicht über eine Frauen- und Mädchenabteilung verfügen. Zum einen ist Homophobie kein reines Männerthema, es findet im Frauenfußball genauso statt. Zum anderen ist Homophobie mit Sexismus eng verknüpft. Die meisten homophoben Äußerungen sind gleichzeitig sexistisch. In der Mehrzahl werten sie Frauen ab.
Hallo, Berlin!
Wenn man sich die Website des Berliner Fußballverbandes ansieht, fällt zweierlei auf. Es gibt sie nicht, die Frauen- und Mädchenabteilung. Auch Beirat und Präsidium setzten sich ausschließlich aus Männern mittleren Alters zusammen. So richtet der Verband zwar Veranstaltungen wie »Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball« aus, in seiner täglichen Arbeit findet sich aber wenig davon wieder. Der einen Hälfte der Gesellschaft fehlt hier eine Interessenvertretung.
Verständlich sind deshalb die Forderungen der Workshop-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen an Vereine, Verbände und die anwesenden Journalisten: Macht Homophobie zum Thema, lasst uns nicht unsichtbar bleiben! Dazu gehört, dass dort entsprechende Strukturen geschaffen werden, wo sie fehlen. Dazu gehört eine Berichterstattung, die weniger auf Sensation setzt, sondern mehr auf Sensibilisierung.
Auch Handlungsempfehlungen, wie es sie für den Umgang mit rassistischen Äußerungen schon gibt, wären hilfreich. Es ist uns halbwegs gelungen, das Wort »Neger« aus unserem Wortschatz zu verbannen. Wir konnten uns irgendwann darauf verständigen, dass das ein Schimpfwort ist. Das sollte für »schwule Sau« und »Scheiß-Lesbe« auch möglich sein.
