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»Ich fühle mich wie ein Nestbeschmutzer«

Reimar de la Chevallerie hatte eine gute Idee. Anfang 2013 sah er im Fernsehen, wie Angela Merkel ein Transparent ausrollte. Irgendeine Aktion gegen Homophobie, irgendein Symbol, das Toleranz behaupten und ein ruhiges Gewissen hinterlassen sollte. »Was soll das?«, fragte sich der Theaterregisseur, der sich mit dem boat people projekt, einem freien Theater in Göttingen, seit Jahren mit Flüchtlings- und Diskriminierungsthemen beschäftigt. Er beschloss, es anders zu machen, besser. Mit einem Theaterstück, das dort gezeigt wird, wo Homophobie anzutreffen ist: an der Basis. »Für mich war klar, wir wollen aufs Land, in die Kabinen der kleinen Fußballvereine.« Was ihn dort erwartete, während der zwölfmonatigen Planungsphase des Stückes »Steh deinen Mann!«, das nächste Woche Premiere feiert, hätte Reimar de la Chevallerie allerdings nicht für möglich gehalten. Stefanie Barthold sprach mit ihm über seine Erlebnisse.

Regisseur Reimar de la Chevallerie.

Ihr habt eine Menge Aufwand betrieben und einige Kooperationspartner für euer Projekt gewinnen können. Im Landkreis Northeim könnt ihr das Stück deshalb kostenlos zeigen. Für die Vereine ist das eigentlich perfekt, oder?
Ja, die müssen nichts tun, außer einen Termin für uns freihalten, ein paar Spieler zusammentrommeln und uns ihre Kabine zur Verfügung stellen. Null Belastung, null Arbeit. Und trotzdem ist es schwierig für uns, denn die Leute wollen das einfach nicht. Ich war zum Teil schockiert darüber, wie sich die Menschen vom Fußballverband verhalten haben. Jetzt zeigen wir das Stück eventuell häufiger an Schulen – das ist auch gut, aber eben nicht das, was wir uns vorgestellt und gewünscht hatten.

Was habt ihr konkret an Ablehnung erfahren?
Der Niedersächsische Fußballverband hatte uns beispielsweise telefonisch zugesagt, mithilfe seines E-Mail-Verteilers über unser Stück zu informieren. Das ist ja auch nicht wahnsinnig viel Aufwand eigentlich. Und auf einmal haben sich die Verantwortlichen rausgewunden und ihre Unterstützung wieder zurückgenommen.

In einer E-Mail schriebt ihr neulich, der Präsident des Kreissportbundes Northeim-Einbeck habe euch empfohlen, euch direkt an die Vereine zu wenden, aber gleichzeitig seine Verwunderung darüber geäußert, dass ihr das Stück auf dem Land zeigen möchtet – schließlich gebe es dort gar keine homosexuellen Fußballer. Eine Unterstützung bei der Suche nach Gastspielorten habe er ausgeschlossen, mit dem Hinweis, er müsse ja auch die Heteros schützen.
Ja, schockierend. Viele tun auch so, als wäre das absoluter Schweinkram, den wir hier veranstalten. Dabei ist das Stück total harmlos. Ich fühle mich wie ein Nestbeschmutzer. Die landläufige Meinung lautet offensichtlich: Der Fußball soll so bleiben, wie er ist. Das zeigte auch die Erfahrung eines befreundeten Göttinger Trainers, der das Thema bei sich im Verein auf den Tisch bringen wollte. Sofort ging das Gerede und Gelächter los, es wurden nur noch Witze gerissen, und irgendwann hat er das Ganze frustriert abgebrochen.

Wie unterstützt euch der Deutsche Fußball-Bund?
Die DFB-Kulturstiftung hat uns 4.000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich auf ungefähr 30.000 Euro. Sie tun das vielleicht auch, weil sie das Gefühl haben, es irgendwie tun zu müssen. Aber Olliver Tietz von der DFB-Stiftung setzt sich sehr für uns ein und schickt uns beispielsweise Jimmy Hartwig zu zwei Vorstellungen, der ja mittlerweile als Integrationsbotschafter tätig ist … Mit dem Thema Homophobie kann man sich nicht profilieren. Bei Rassismus oder anderen Inklusionsthemen ist es auch viel einfacher, jemanden für ein Statement vor die Kamera zu bekommen. Wir hätten über den DFB gerne einen Kontakt zu Theo Zwanziger geknüpft, aber das wurde abgeblockt. Die meisten Manager und Funktionäre stellen sich stur, das ist ein Problem. Ganz egal ist ihnen das Thema dann aber doch nicht – ich wurde des Öfteren gefragt, ob ich schwul sei.

Was genau willst du mit dem Stück erreichen?
Ich möchte vor allen Dingen erst mal sagen, dass mir das Thema nicht fremd ist. Als ich klein war, war ich genau so, ich habe auch Sprüche gemacht. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass so ein Verhalten Konsequenzen für andere hat. Dafür ist das Stück gut. Ich finde das Thema super, ich finde Fußball super, und es ist mir ein Anliegen, dass mit Homophobie reflektierter umgegangen wird.

Wie äußert sich das Interesse an eurem Projekt bisher?
Es ist verrückt: Bevor wir das Stück überhaupt aufgeführt haben, wollen schon alle berichten. Im Januar hat im Zuge des Coming-outs von Thomas Hitzlsperger die dpa über uns geschrieben, und seitdem bekommen wir auf überregionaler Ebene viele Medienanfragen, auch vom Fernsehen, und einige Fanprojekte zeigen mittlerweile auch Interesse. Das freut uns sehr und ist eine total neue Erfahrung, aber es ist nicht das, was wir erreichen wollen. Wir möchten aufs Dorf, in die kleinen Vereine, und dort spielen. Deshalb bin ich mal gespannt auf die Reaktionen nach der Premiere. Vielleicht funktioniert es ja, dass durch die Medienresonanz auch die Vereine offener werden und uns die Möglichkeit geben, das Stück bei ihnen zu zeigen.

Eure Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene.
Genau, das Stück ist ab zwölf. Aber nicht, weil es darin so hoch hergeht – im Gegenteil –, sondern weil wir glauben, dass es ab diesem Alter einfach besser verstanden wird. Bestes Beispiel ist meine Tochter, die ist zwölf und ergreift neuerdings in Facebook-Gruppen Partei für vermeintlich schwule Popstars.

Das ist cool.
Sehr cool. Das muss man sich erst mal trauen! Und es zeigt, dass es eben etwas bringt, wenn Homophobie in deinem direkten Umfeld zum Thema gemacht wird.

Probt seit drei Wochen täglich: Matthias Damberg. – Fotos: Reimar de la Chevallerie


Das Stück »Steh deinen Mann!« feiert am Mittwoch, 16. April, in einer Umkleidekabine des Göttinger Jahnstadions Premiere. Geschrieben wurde es von dem Hamburger Autor Christopher Weiß, Regie führt Reimar de la Chevallerie. Der Schauspieler Matthias Damberg aus Hamm spielt einen Fußballfan auf der Suche nach dem »schwulen Superspieler« … Zum Stammteam gehören außerdem Gerd Zinck (Dramaturgie) und Mathis Albrecht (Video).

Neben zehn Besuchen bei Vereinen im Landkreis Northeim finden elf öffentliche Auftritte in Göttingen statt (Termine hier), hinzu kommt eine Vorstellung in Dortmund. Wer das Team als Vertreter/-in eines Vereins oder einer Schule zu einem Auswärtsspiel in seine Stadt einladen möchte, der kann sich per E-Mail an Nina de la Chevallerie wenden. Der organisatorische Aufwand ist gering, denn Ensemble und Requisiten passen in einen Pkw.

07. April 2014 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Zum Coming-out von Thomas Hitzlsperger

Der deutsche Ex-Fußballprofi und -Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich vergangene Woche auf bemerkenswerte Art und Weise zu seiner Homosexualität geäußert. Im Folgenden eine Auswahl empfehlenswerter Texte und Beiträge zum Thema.


Die Videobotschaft von Thomas Hitzlsperger:


Das ausführliche ZEIT-Interview von Carolin Emcke und Moritz Müller-Wirth mit Thomas Hitzlsperger:
»Homosexualität wird im Fußball ignoriert«


Hitzlspergers Freund und Ex-Kollege Arne Friedrich im Interview auf ZEIT online:
»Wenn ich homosexuell wäre, würde ich es jetzt sagen«


Carolin Emcke und Stefan Niggemeier auf DRadio Wissen über die Rolle der Medien:
Lernen vom Coming-out


Ein Kommentar von Esther Schapira (HR) in den tagesthemen:

Thomas Hitzlsperger sagt, dass er Männer liebt. Es ist beschämend, dass Mut dazugehört, uns mitzuteilen, was uns eigentlich nichts angeht.



Der Journalist Ronny Blaschke im Deutschlandfunk-Gespräch:
Fußball und Diskriminierung – »Brennglas gesellschaftlicher Ressentiments«


Andreas Bock kommentiert für 11 FREUNDE die Reaktionen auf das Coming-out:
Na und?


Thomas Hitzlsperger zu Gast im ZDF-sportstudio:
»Ich habe einen Nerv getroffen«


Die freie Journalistin Nicole Selmer mit einem Kommentar für das österreichische Fußballmagazin ballesterer:
Kein Ja, aber


Filmemacher und Grimme-Preisträger Aljoscha Pause:

Ich finde die destruktive Tendenz, mit der ein paar Spitzfindige Hitzlspergers Tat in Misskredit bringen wollen, auch nicht viel weniger verwerflich als Diskriminierung an sich. Geht es nicht um Toleranz? Um Respekt? Überprüft das doch mal.


Eine Analyse von Jan F. Orth, ehemaliges Präsidiumsmitglied des Fußball-Verbandes Mittelrhein:
Thomas Hitzlsperger: Das überlesene Interview


Die Autoren Dirk Leibfried und Andreas Erb schreiben auf queer.de über Die Angst des deutschen Fußballs vor der Normalität.


Wer noch mehr lesen möchte – drüben bei Fokus Fussball gibt es eine sehr ausführliche Linksammlung:
#Link11 spezial: Coming-Out Thomas Hitzlsperger

15. Januar 2014 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Premier League kämpft gegen Homophobie – mit Schnürsenkeln

Ein Text von Laura Reinkens

»Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich einem Spieler noch nicht guten Gewissens zu einem öffentlichen Coming-out raten.« Das sagte Reinhard Rauball Ende Juli gegenüber der SportBild. Oliver Kahn schlug vor etwa einer Woche gegenüber der Gala in die gleiche Kerbe: Zwar sei Homosexualität an sich inzwischen »keine große Sache mehr« – puh, Glück gehabt – »aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist. Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans.«

Mit einer Kanzlerin, die sich beim Gedanken an ein glückliches schwules Pärchen mit einem oder gleich mehreren Adoptivkindern »nicht so ganz wohlfühlt«, und großen Persönlichkeiten im Sport, die die Sache mit der offenen Homosexualität im Profifußball nun auch nicht so ganz sehen, fragt man sich, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Einen tollen Einfall hatten nun eine Aktivisten-Gruppe aus England und ein Wettanbieter, um dem Thema die Öffentlichkeit zu geben, die es verdient.

Stonewall, eine Gruppe, die sich seit 1989 in England für LGBT-Rechte einsetzt, hat sich mit Wettanbieter Paddy Power zusammengetan, um an diesem Wochenende ein Zeichen zu setzen! Durch die Kampagne »Right Behind Gay Footballers« (#RBGF) soll die allgemeine Akzeptanz für schwule Fußballer bei den Fans, den Vereinen und in der Gesellschaft allgemein gefördert werden. Ein Hashtag lässt sich schwer auf den Rasen bringen, daher haben Stonewall und Paddy Power Schnürsenkel entworfen, die im eindeutigen Regenbogen-Design daherkommen.

Diese Schnürsenkel wurden an alle 134 Klubs in UK und damit an mehr als 5000 Fußballer geschickt, um ein Zeichen zu setzen, dass Homophobie in ihrem Sport keinen Platz haben darf. Everton hat sich als erster Verein zurückgemeldet und angekündigt, dass sie die Rainbow Laces am Samstagnachmittag bei West Ham tragen werden. Paddy Power wirbt inzwischen sogar mit tollen Aussagen von Jagielka & Co. Ein Beispiel:

Quelle: @paddypower

Der Sprecher von Paddy Power sagte zur Aktion: »We love football but it needs a kick up the arse. In most other areas of life people can be open about their sexuality and it’s time for football to take a stand and show players it doesn’t matter what team they play for. Fans can show they are right behind this by simply tweeting using the #RBGF hashtag whilst all players have to do is lace up this weekend to help set an example in world sport.«

Auch Joey Barton hat bereits Bilder von sich und seinen Rainbow Laces getwittert, Gary Lineker wird beschnürsenkelt Match Of The Day moderieren. Welche Vereine sich – vielleicht sogar geschlossen – an der Kampagne beteiligen werden, wird der nun kommende Spieltag zeigen. In jedem Fall bleibt die Hoffnung, dass #RBGF den Erfolg haben wird, der sich glücklicherweise schon abzeichnet, und ein ähnliches Format vielleicht auch bald die Rauballs und Kahns davon überzeugen kann, dass es nicht die Gesellschaft ist, die Homosexualität im Fußball nicht annimmt, sondern etwaig Leute wie sie, die durch immer neue negative Aussagen das Rad der Zeit zurück und zurück drehen.

Stonewall Deputy Chief Executive Laura Doughty erklärt ihr Ziel: »It’s time for football clubs and players to step up and make a visible stand against homophobia in our national game. That’s why we’re working with Paddy Power on this fun and simple campaign. By wearing rainbow laces players will send a message of support to gay players and can begin to drag football in to the 21st century.«

Drag football in to the 21st century!

#RBGF

19. September 2013 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Das Ende der »homofreien Zone Fußball«

Ein Text von Johannes Eydinger

Ordentlich auf die Pauke gehauen wurde im Vorfeld. Es gab Sperrfristen für Journalisten, die Moderatorin der Veranstaltung, Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF, erklärte geheimnisvoll, sie habe eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben.

Damit erreichten die Organisatoren zwar die Aufmerksamkeit, die dem Thema zusteht, sorgten aber auch für wilde Spekulationen: Wird sich heute, am 17. Juli 2013, der erste deutsche Profi-Fußballer outen? Kommt Uli Hoeneß? Nein. Es wurde »nur« eine Erklärung feierlich veröffentlicht, die zweifelsfrei wichtig ist, aber dem großen Brimborium drumherum nicht ganz gerecht wird.

Wer ist dabei?

Fünfzehn Persönlichkeiten haben die »Berliner Erklärung: Gemeinsam gegen Homophobie. Für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport« (Link zum PDF) unterzeichnet. Unter ihnen sind die drei Bundesminister Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz), Hans-Peter Friedrich (Innen) und Kristina Schröder (Familie). Für den DOSB unterzeichnete Vizepräsidentin Ilse Ridder-Melchers, für den DFB dessen Präsident Wolfgang Niersbach. Dazu kamen sieben Vereinsfunktionäre (unter ihnen der angesprochene Uli Hoeneß) und mit Christine Lüders (Antidiskriminierungsstelle), Aletta Gräfin von Hardenberg (Charta der Vielfalt) und Jörg Litwinschuh (Stiftung Magnus Hirschfeld) drei Interessensvertreter.

Was steht drin?

Die Unterzeichner sprechen sich klar gegen Homophobie und für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport aus. Das ist zwar nicht soooo neu, aber einen offiziellen Schulterschluss aller genannten Gruppen gab es bisher eben auch noch nicht. Die Initiative geht auf die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zurück. Sie hatte vor drei Jahren die Aktion »Fußball gegen Homophobie« gegründet, aus der jetzt die positivere Marke »Fußball für Vielfalt« entstand.

Wie geht’s weiter?

Es soll nicht nur bei schönen Worten bleiben. Unter der Federführung der Uni Vechta wird es jetzt wissenschaftlich. Gemeinsam sollen Bildungsmodule für Vereine und Verbände entwickelt werden. Die Zielgruppe ist klar: Jugendliche. Ganz früh soll in Schulen und Vereinen Aufklärungsarbeit betrieben werden – damit Homophobie erst gar nicht entsteht. Das ganze Konzept ist hier als PDF abrufbar.

Wann outet sich denn jetzt der erste schwule Bundesligastar?

Das wurde hier tatsächlich hinter den Kulissen diskutiert. Auch einige Statements auf der Bühne drehten sich um diese Frage. Ob diese Diskussion hilfreich ist, bezweifle ich. So wird der Druck auf die Personen, die mit diesem Gedanken spielen, immer größer. Irgendwann wird es sicherlich passieren. Wirklich wichtig ist ja nicht das Coming-out an sich, sondern wie unsere Gesellschaft dann damit umgeht.

Warum gab es Zoff um die Sport-Bild?

Vor allem in den sozialen Netzwerken wurde die exklusive Medienpartnerschaft mit der Sport-Bild im Grundsatz kritisiert. Dem Springer-Blatt wird von vielen abgesprochen, sich dem Thema vernünftig zu widmen (»Bock zum Gärtner«, »Hauptblatt des Springerverlags verdient sein Geld mit Lügen, Verleumdungen«, »Doppelmoral«).

Dabei wird ignoriert, dass in der heutigen Ausgabe auf zehn (!) Seiten die Thematik Homophobie im Sport beschrieben wird. Habe ich in vergleichbaren Medien wie dem kicker oder der 11Freunde noch nicht gesehen. Außerdem ist mir (gilt für die Sport-Bild und die Sportseiten im Hauptblatt) in den letzten Jahren kein einziger kritikwürdiger homophober Artikel in Erinnerung geblieben.

Ich sehe es sogar als Quantensprung. Heute wirbt ein Springer-Blatt damit, gegen Homophobie zu sein. Wer hielt das vor zehn Jahren für denkbar? Der Kampf gegen homophobe Tendenzen wird schlussendlich nicht in der Zeit, der Süddeutschen oder in Uniseminaren gewonnen, sondern dort, wo die Ressentiments tief sitzen – in der Mitte und am unteren Rand der Gesellschaft. Der gesamte Springer-Verlag muss sich nun daran messen lassen.

Hertha, St. Pauli, Union – aber mein Verein fehlt. Warum?

Nur sieben Vereinsmeier haben die Erklärung unterschrieben. Zwar war die Stiftung mit allen Erst- und Zweitligaclubs im Kontakt, diese sieben aber sollen sich als besonders offen für das Thema gezeigt haben. In einer zweiten Welle will »Fußball für Vielfalt« jetzt mit allen anderen nochmals sprechen. Ziemlich sicher, dass sich dann auch Dortmund, Cottbus, Braunschweig & Co. an den Projekten beteiligen.

Kritischer ist die Auswahl der Verbände. Zwar geht der DFB mit Wolfgang Niersbach voran, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) konnte sich aber noch nicht durchringen. Hier wäre ich für eine Stellungnahme von Geschäftsführer Christian Seifert dankbar.

Ich will noch mehr!

Eine Chronologie der Ereignisse habe ich bei storify zusammengestellt.

17. Juli 2013 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Am 30. Mai ist Come-Together-Cup in Köln

Come-Together-Cup in Köln

Nächsten Donnerstag scheint in Köln die Sonne. Warum? Ganz einfach: Auf den Vorwiesen des RheinEnergie-Stadions findet der 19. Come-Together-Cup statt, und dieses wunderbare Event hat allerbestes Wetter verdient. »Der Regen wird langsam etwas wärmer«, schreiben die Veranstalter. Sympathisch, diese Kölner.

In Nordrhein-Westfalen ist am 30. Mai Feiertag (Fronleichnam). Also kommt vorbei, macht ein Picknick und schaut euch das große Fußball-Benefiz-Spektakel aus der Nähe an. Natürlich freuen wir uns auch über Besuch am »Aktion Libero«-Infostand.

Alle Infos zum Turnierablauf und zum Rahmenprogramm gibt’s hier.

24. Mai 2013 von Aktion Libero (st)
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Geldstrafe für FCK-Stürmer Idrissou:
Von Homo-Gurken und männlichem Stolz

Ein Kommentar von Dirk Leibfried

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat am Mittwochabend Mohamadou Idrissou vom Zweitbundesligisten 1. FC Kaiserslautern mit einer Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro belegt. Die Begründung aus der DFB-Zentrale in Frankfurt lässt Raum für Spekulationen: »Der Spieler hatte sich im Anschluss an das Zweitliga-Spiel beim FC Energie Cottbus am 29. April 2013 in einem TV-Interview unsportlich geäußert«, heißt es da. »Unsportlich geäußert«? Anders ausgedrückt: Ist Homophobie »unsportlich«?

Was an dem mittlerweile rechtskräftigen Urteil irritiert, ist weniger die ausgesprochene Strafe durch den DFB als vielmehr die schmallippige Begründung. Wieso wird das Kind nicht beim Namen genannt? Wieso erfährt der Fußballfan nicht, ob Idrissou wegen seiner homophoben Äußerungen oder aber wegen seiner Kritik an Schiedsrichter Wolfgang Stark bestraft wurde? Noch immer, so scheint es, wird beim DFB das Thema Schwulenfeindlichkeit tabuisiert, bestenfalls aber mit Glacé-Handschuhen angefasst.

Rückblende: Folgt man Idrissous Angaben, so habe ihm FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel des FCK bei Energie Cottbus bereits in der Anfangsphase mitgeteilt, dass ihm seine Körpersprache nicht gefalle. Diese Aussage nagte an Idrissou noch über den Schlusspfiff hinaus. Im Interview mit »Sky« ereiferte er sich deshalb: »Ich habe eine Männer-Körpersprache. Ich bin nicht schwul und werde auch nie schwul sein. Ich bin nicht der Einzige, der schlecht über diesen Schiri redet. Es ist mir egal, aber langsam reicht’s.«

Die Reaktionen folgten prompt. Als erster Sportverein überhaupt erhielt der 1. FC Kaiserslautern die »Homo-Gurke«, eine wenig schmeichelhafte Würdigung des schwul-lesbischen Internetportals queer.de. Begründung: Der Verein verharmlose homofeindliche Äußerungen seines Star-Stürmers Mohamadou Idrissou und konterkariere damit die Bemühungen gegen Homophobie im Fußball. Im Kommentar dazu heißt es, die klischeehafte Gleichsetzung von »schwul gleich unmännlich« werde von der FCK-Führung unreflektiert verteidigt. Die teils heftigen Reaktionen machen deutlich, wie unsensibel der Fußball noch immer mit dem Thema Homosexualität umgeht – und wie empfindlich die Szene auf Provokationen aus dem Epizentrum der archaischen Männlichkeit reagiert.

Denn statt parallel zu den Ermittlungen des DFB-Kontrollausschusses eine – wenn auch taktische – Entschuldigung des Spielers zu veröffentlichen, »verschlimmbesserte« die Pressestelle des Vereins die Situation durch eine mehr als naive Stellungnahme. »Der Fokus seiner Aussage liegt auf seiner persönlichen Männlichkeit und seiner Körpersprache als Ausdruck derselben«, schrieb der Verein auf seiner Homepage. Kein Bedauern, keine Entschuldigung. Im Gegenteil: Der Verein verwies darauf, die »potentiellen homophoben Aussagen« seien »in keinerlei Weise von Mohamadou Idrissou beabsichtigt gewesen«.

Doch es geht noch schlimmer. Um den DFB in der Beurteilung der Interview-Aussagen gnädig zu stimmen, schob der Verein zwei Tage später doch noch eine Entschuldigung seines Mittelstürmers nach, die viele Fans – ebenso wie ein anberaumtes Treffen mit dem schwul-lesbischen Fanclub »Queer Devils« – als »Demütigung« auffassten: »Ich bin ein stolzer afrikanischer Mann und ein stolzes männliches Auftreten ist Teil meiner Kultur. Durch den Hinweis des Schiedsrichters bezüglich meiner Körpersprache habe ich mich in meiner Männlichkeit angegriffen gefühlt. Meine Reaktion darauf war falsch und auch meinem kulturellen Hintergrund geschuldet. Das tut mir aufrichtig leid.«

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits im Internet alle Dämme gebrochen. Während sich die FCK-Fans mehrheitlich hinter ihren Stürmer stellten, echauffierte sich die Gay-Community reflexartig über die schwulenfeindlichen Aussagen des Fußballers aus Kamerun und die Ignoranz seiner Fans. Diese emotional aufgeladene Diskussion zeigt mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass der Fußball nach wie vor in einer Parallelwelt verhaftet ist. Ein offenes Klima, um beispielsweise das Coming-out eines Profifußballers zu ermöglichen, ist so auf absehbare Zeit ganz sicher nicht zu erreichen. Die Realität in den Stadien der Republik scheint noch immer im krassen Widerspruch zu den vermeintlichen Bestrebungen des DFB zu stehen, Homophobie im Fußball zu bekämpfen.

Zufall oder nicht: Ein bereits für Februar angekündigtes Strategiepapier des DFB, das Coming-outs von schwulen Sportlern erleichtern soll, verzögert sich weiter. Begründung von DFB-Diversityberater Marcus Urban: »Es ist eben ein hartes Brett, ein äußerst heikles Thema und immer noch eine der größten Schwächen des deutschen Fußballs.« Homosexuellenfeindlichkeit sei im Sport viel schwerer zu bekämpfen als in anderen Teilen der Gesellschaft, so Urban.

Der »Fall Idrissou« ist symptomatisch für einen Fußballverband, der im August 2007 nach einem hitzigen Wortgefecht den Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller mit einer Sperre von drei Spielen belegt hat. Er soll im Derby gegen Schalke den gegnerischen Stürmer Gerald Asamoah als »schwule Sau« beleidigt haben. Ursprünglich wurde Weidenfeller vorgeworfen, die Worte »schwarzes Schwein« benutzt zu haben. In diesem Fall wäre eine Verurteilung wegen rassistischer Äußerung erfolgt, Anklage erhoben und eine deutliche längere Sperre – im Gespräch waren sechs Wochen – ausgesprochen worden. Die »schwule Sau« schien dagegen nicht ganz so dramatisch. Schließlich verlangt der Fan nach echten Kerlen, nach Fußballern, die authentisch sind und männlich auftreten. Die Antwort auf die von Mohamadou Idrissou aufgeworfene Frage, wie die Körpersprache eines Schwulen denn nun tatsächlich ist, sind bis jetzt allerdings alle Beteiligten schuldig geblieben.

*

Zum Autor: Dirk A. Leibfried (45) arbeitet als freier Journalist und Autor in Kaiserslautern. Er veröffentlichte im Herbst 2011 gemeinsam mit Andreas Erb das Buch Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball (erschienen im Werkstatt-Verlag).

10. Mai 2013 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Unter der Oberfläche

Hintergründe, Gesamtzusammenhänge, exakte und intensive Recherchen – der Berliner Journalist und Autor Ronny Blaschke interessiert sich nicht für die schnelle Nachricht. Seine Beiträge gehen in die Tiefe. Das Thema »Homosexualität im Fußball« wird seiner Meinung nach von Fans und vor allem Medien häufig viel zu oberflächlich behandelt.

Ronny Blaschke
Journalist und Autor

»Diese Oberflächlichkeit trägt zur Skandalisierung und gefühlten Schlüpfrigkeit von Homosexualität im Sport bei«, findet Ronny Blaschke. Wir freuen uns sehr, dass er die »Aktion Libero« mit seinem Statement unterstützt.

29. März 2013 von Aktion Libero
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Eine Frage der Haltung

Foto: © Ian Stenhouse, No Dice Magazine

Ein Transparent trübte am Freitagabend bei so manchem Anhänger des 1. FC Union Berlin die Freude über den 3:1-Heimsieg gegen Sandhausen und die lang ersehnte Einweihung der neuen Haupttribüne. Ein Transparent mit der Aufschrift »Herthatreff am Knabenstrich – alte Liebe rostet nicht!«, das auf der Waldseite des Stadions an der Alten Försterei gezeigt wurde, begleitet von dem Schmähgesang »Eure Mütter steh’n am Bahnhof Zoo«.

Die Botschaft, initiiert von Union-Fans, richtete sich – wen wundert’s? – an den ungeliebten Nachbarn Hertha BSC. Zum Hintergrund: Am 11. Februar steigt das Zweitligaderby im Olympiastadion und Fangruppen beider Vereine haben sich etwas ausgedacht. Vor dem Spiel wollen sie sich im Westen der Stadt treffen – die Union-Fans am Breitscheidplatz, die Hertha-Anhänger ein paar Meter weiter am Bahnhof Zoo. Mit entsprechenden Flyern wiesen sie in den vergangenen Tagen darauf hin. Rivalität, Reviermarkierung, legitim und harmlos. Das Banner im Union-Block hingegen ging einen Schritt weiter. Durch die Verbindung zum »Knabenstrich« – einem so bezeichneten Bereich hinter dem Bahnhof Zoo, der zugleich eben geplanter Treffpunkt der Hertha-Fans ist – wurde auf herabwürdigende Weise ein Bezug zu Homosexualität hergestellt. Mit einfacheren Worten: Hertha-Fans = schwul = minderwertig. Hinzu kommt der angedeutete Zusammenhang zu Pädophilie.

Bei Twitter und Facebook wird seit Freitagabend über den Vorfall diskutiert, Fotos des Spruchbandes werden geteilt, der Tenor der Reaktionen ist nicht immer eindeutig. »Giftiger Konkurrenzkampf ja, verbale Entgleisungen nein«, sagen die meisten, doch unabhängig von den Vereinsfarben gibt es auch zahlreiche andere Stimmen: »Stellt euch mal nicht so an, das gehört doch dazu«, lautet deren Meinung. Es sollte aber eben nicht dazugehören. Der Text auf dem Banner war nicht Ausdruck einer gesunden Fanrivalität, sondern schlicht homophob.

Natürlich ging die Aktion wie in den meisten solcher Fälle nicht von der gesamten Fanszene aus, sondern von einer einzelnen Gruppe, doch ändert das nichts daran, dass Vorfälle wie dieser – solange sie unkommentiert bleiben – auf das Image des ganzen Vereins und seiner Fans zurückfallen. Umso wichtiger wäre es, dass sich die Klubführung der »Eisernen« klar zu den Geschehnissen äußert und damit eine unmissverständliche Haltung zeigt. Die Aktion als Fehltritt einiger weniger Fans zu entschuldigen und unter den Teppich zu kehren, wäre fahrlässig und kontraproduktiv im Kampf gegen Homophobie. Zudem müsste sich Union Berlin die Frage gefallen lassen, was die Gründe dafür sind, einem so deutlich diskriminierenden Vorfall im eigenen Stadion mit Ignoranz zu begegnen. Denn: Sich selbst stets als toleranter, sozial engagierter Klub mit engem Bezug zu seinen Fans zu positionieren und zugleich bei einem ganz konkreten Anlass wie dem aktuellen zu schweigen, das passt nicht zusammen.

»Aktion Libero« hat den 1. FC Union Berlin um eine Stellungnahme gebeten. Auch bei Facebook wurde der Verein verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht.

Update (4. Februar 2013): Union Berlin hat die »Aktion Libero« zu einem Gespräch eingeladen.

03. Februar 2013 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 20 Kommentare

Versteigerung zugunsten der »Aktion Libero«

Hurra! Das Motiv, mit dem Harald Müller für die »Aktion Libero« an dem Corbis-Designwettbewerb »Ein Zeichen setzen« teilgenommen hat, ist prämiert worden: Es gehört zu den zehn Entwürfen, für die am meisten gevotet wurde – als Preis gab es dafür ein hochwertiges Grafiktablett Wacom Intuos5 Touch M, das wir nun zugunsten der »Aktion Libero« bei eBay versteigern.

Die Auktion läuft bis Mittwoch, 30. Januar, 13 Uhr, und hier könnt ihr mitbieten: www.ebay.de/itm/251216720451

20. Januar 2013 von Aktion Libero (st)
Kategorien: Allgemein | 1 Kommentar

Der Aufklärer

Marcus Urban ist das schwule Gesicht des deutschen Fußballs und seit Erscheinen seiner Biografie »Versteckspieler« ein Mann mit einer Mission. Das österreichische Fußballmagazin ballesterer porträtiert ihn in seiner aktuellen Ausgabe. Urban ging mit Autor Stefan Heissenberger kicken und sprach über seine Karriere nach der Karriere und darüber, wie es mit Homosexualität im Fußball weitergehen wird.

Marcus Urban ist ein gefragter Mann, er kommt gerade von einem Expertentreffen. Der Deutsche Fußball-Bund hatte aus aktuellem Anlass geladen. Im September war im Magazin Fluter ein Interview mit einem anonymen schwulen Spieler aus der deutschen Bundesliga erschienen, das kurzfristig hohe Wellen schlug. Es gab Zweifel an der Echtheit, Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich, und manchem Funktionär wurde vielleicht bewusst, wie wenig die Fußballstrukturen auf das Outing eines schwulen Kickers vorbereitet sind: Was sagen? Wie unterstützen? Urban stellt sich diese Fragen schon länger.

»Versteckspieler«

In dem 2008 erschienenen Buch »Versteckspieler« erzählt der Journalist Ronny Blaschke die Fußball- und Lebensgeschichte eines schwulen Fußballers. Es ist jene des heute 41-jährigen Marcus Urban aus Weimar, eines DDR-Nachwuchsteamspielers mit einer schwierigen Kindheit, mit Ängsten, Depressionen und der Hoffnung, es im Fußball bis nach oben zu schaffen. Urban war auf dem Sprung in das Profiteam von Rot-Weiß Erfurt, aber Selbsthass und die Verleugnung seiner sexuellen Orientierung zehrten an seinen Kräfte. Ein offener Umgang mit Homosexualität erschien ihm zwischen Kabinengesprächen und Schwulenwitzen im Männerfußball undenkbar. Seine Leistungen am Platz wurden schlechter, eine Knieverletzung gab ihm den Rest: Mit 23 Jahren beendete Urban seine Karriere, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Als die ehemaligen Mitspieler durch das Buch und die öffentlichen Auftritte von seiner Homosexualität erfahren, sind die Reaktionen fast durchwegs positiv.

Alleinstellungsmerkmal schwul

Beim Gespräch in einem Berliner Café bestellt Marcus Urban einen Pfefferminztee. Kaffee habe er bei der Sitzung heute schon genug getrunken. Durch das Interview im Fluter werde er mit Medienanfragen derzeit regelrecht bombardiert, sagt er. Adrian Bechtold, den Journalisten, der das Interview geführt hat, habe er beraten. Urban hat, anders als 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster, auch keine Zweifel an der Echtheit des Interviews. Es werde bald schon zu einem Coming-out in der deutschen Bundesliga kommen, sagt er wie jemand, der etwas weiß, was andere nicht wissen.

Betrachtet man Urban als Unternehmer seiner selbst, hat er das, was im Marketing als »Unique Selling Proposition« bezeichnet wird: ein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der einzige schwule Fußballer im deutschsprachigen Raum, der einer breiteren Öffentlichkeit als solcher bekannt ist. Wann immer das Thema für Medien oder Funktionäre interessant ist – und das ist es immer öfter –, wird er angefragt. Mittlerweile könne er diese öffentliche Rolle annehmen, sagt Urban. Und auch gut davon leben.

Mission als Profession

Nach dem Erscheinen von »Versteckspieler« wandten sich Fußballer, Leichtathleten, Boxer und Physiotherapeuten, zumeist Männer, mit ähnlichen Problemen an ihn. Irgendwann, so Urban, sei daraus eine Mission geworden. Er begann eine Ausbildung zum Coach und gibt seit 2010 seine Expertise professionell weiter. Neben der Tätigkeit als Personal Coach berät er Unternehmen im Diversity Management – um Diskriminierungen zu verhindern und soziale Vielfalt für die Firmen nutzbar zu machen. Zudem hält er Seminare und Vorträge und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. 90 Minuten Coaching kosten 150 Euro, je nach Aufwand sind 500 bis 1.200 Euro für ein Konzept und 1.500 Euro für ein Tagesseminar veranschlagt. Das seien marktübliche Preise, sagt Urban. Seine finanzielle Situation habe sich durch die Selbstständigkeit verbessert. Das sei aber nur ein Nebeneffekt, betont er. Geld sei ihm nicht so wichtig. »Hilfsbereitschaft, Empathie und Zusammenhalt sind das A und O in meinem Leben. Wenn ich jemandem helfen kann, erfüllt mich das mit einem inneren Leuchten«, sagt Urban. In seiner Sprache schimmert die Beschäftigung mit dem Buddhismus immer wieder durch.

Fair und fordernd am Platz

Wir fahren zum Training des schwulen Hobbyfußballvereins SSL Vorspiel Berlin. Urban hatte den Obmann des Vereins per E-Mail angefragt, ob er mittrainieren könne, da er gerade in der Stadt sei. »Hi, ich bin Marcus«, begrüßt er die Spieler in der Kabine. Einige kennen ihn aus den Medien. Man merkt ihm die Vorfreude auf das Spiel an. Das Training beginnt. Urban fügt sich spielerisch und sozial gut ein. Ein Spieler fragt den Obmann, wer der Neue sei. »Ah, gegen den habe ich schon einmal bei einem Turnier gespielt. Der ist ein Verrückter auf dem Platz«, sagt er. »Er kann sich und sein Thema gut in der Öffentlichkeit verkaufen, aber so wird das jetzt endlich auch diskutiert.« Im zweiten Teil des Trainings machen wir ein Match. Urban kommt immer besser in Fahrt. Er fordert Bälle, schlägt ein paar Haken, gibt den Ball im richtigen Moment ab, spielt fair und gut.

Nach dem Training fahren einige Spieler noch in das Stammlokal des Vereins. Urban kommt auch mit. Er wird nach seiner Arbeit und seiner Fußballvergangenheit bei Rot-Weiß Erfurt gefragt. Offen und auch ein wenig stolz erzählt er davon. Nach etwa einer Stunde machen Urban, ich und ein Fußballer von Vorspiel uns auf den Heimweg. Letzterer erzählt von sich, von seiner Vergangenheit, seinem Outing und seiner heutigen Situation. Leicht ironisch schlägt Urban vor, ihm als Coach bei dem einen oder anderen Problem weiterzuhelfen. »Nee, nee, such dir da mal ein anderes Opfer«, bekommt er als Antwort. In Urbans Augen blitzen kurz Verwunderung und Ärger auf. Dann lacht er laut. Bei der Verabschiedung schlägt er einen weiteren Interviewtermin vor.

Ein Kreis schließt sich

Wir treffen uns am nächsten Tag bei sonnigem Wetter in einem Café in Schöneberg, einer bei Lesben und Schwulen beliebten Gegend in Berlin. Sein Partner, mit dem er zusammen in Hamburg lebt, hat hier eine Wohnung. Urban ist gut aufgelegt, strahlt ein wenig. Er erzählt von einem Schiedsrichter, der sich vor Kurzem in einer Kleinstadt in Brandenburg geoutet hat. Lange hatten sie diesen Schritt gemeinsam vorbereitet. Als sich der Schiedsrichter vor seinen Kollegen outete, bekam er Applaus. Sie gratulierten ihm zu seinem Mut. Das seien die Erfolgserlebnisse, für die er arbeite, sagt Urban.

»Das Versteckspiel kostet die Menschen so viel Energie. Wenn wir es nur schaffen würden, unsere Gesellschaft toleranter zu machen. Was da alles zusammenhängt. So könnte etwa Landflucht und Ärztemangel im ländlichen Raum entgegengewirkt werden, wenn sich Schwule und Lesben auch außerhalb von Städten wohler fühlen würden.« Marcus Urban will diese Entwicklung vorantreiben. Er sieht sich dabei als Aufklärer. Er ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein, einer, der in großen Maßstäben denkt.

Trotz positiver Beispiele gebe es nach wie vor Homophobie im Fußball. Er erzählt von einem Spieler, dessen Mannschaftskollegen vermuteten, dass er schwul sei. Er outete sich schließlich und wird seitdem gemobbt. Urban steht ihm beratend zur Seite. In diversen Gremien und Arbeitsgruppen arbeitet Urban an Strukturveränderungen mit: Fußball soll vielfältiger, die Vereine offener für Schwule und Lesben werden. Nebenbei arbeitet er an einem Buchprojekt zu dem Thema. Privat spielt er in einem schwulen Hamburger Hobbyteam. Dass er seine Karriere aufgegeben hat, bereut Urban. Das Kicken sei sein Ein und Alles gewesen. Damals aber habe es schlicht keine Alternative gegeben. Durch seine heutigen Aktivitäten im Fußball schließt sich ein Kreis.

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Zum Autor: Stefan Heissenberger, 30, ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er forscht über Männlichkeit, Homosexualität und Rituale im Fußball.

Der Beitrag erschien ursprünglich in der aktuellen Printausgabe (Nr. 78, Titelthema Alex Ferguson) des österreichischen Fußballmagazins ballesterer.

20. Dezember 2012 von Aktion Libero
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

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